Ich persönlich wollte unbedingt etwas Sportliches machen. So begleitete ich eine Klassenkameradin am 2. Schultag ins Kendotraining. Kendo ist die traditionelle Schwertkunst, die man aus mehr oder weniger historischen Filmen kennt. Unerlässlich ist allerdings die richtige Ausrüstung: Ein Doogi (2-teiliges Gewand, bestehend aus Hose und Oberteil), die "Rüstung" (bestehend aus Helm, Oberkörperpanzer und Handschuhen) und zuletzt das Shinai, ein Bambussschwert. Aus Filmen wie KillBill und Co. kennt man natürlich das Katana, das gebogene unglaublich scharfe Schwert. Im Training verwenden wir allerdings Bambusschwerter. Katanas existieren natürlich heute noch, allerdings habe ich bei uns im Dojo (Trainingshalle) erst einmal Gefälschte zu Zeremonie-Zwecken gesehen.
Der erste Eindruck von Kendo ist die Lautstärke: Das Allerwichtigste ist der Kampfgeist, weswegen man bei jedem Angriff schreit man seinen Gegenüber an. Ein weiteres typisches Merkmal ist die Fortbewegung: Der rechte Fuss steht immer vor dem linken, Füsse parallel. Damitt man sich so Fortbewegen kann, hat man die linke Ferse immer einige Zentimeter über dem Boden und "humpelt" so durch die Gegend. Mittlerweile humpele ich immer: Durch die ungewohnten Bewegungen habe ich mittlerweile eine aufgeplatzte Blase am Fussballen und einen Schnitt an einem Zeh. Das liegt daran, dass man barfuss kämpft. Im kalten Dojo ist das nur bis zum gemeinsamen Aufwärmen etwas störend. Samurai heisst übersetzt "Diener". Sie waren die Leibgarde der Adligen und auf Leben und Tod diesen verpflichtet. Es gibt sehr viele kulturelle Dinge, die man beachten muss, doch dazu später mehr.
Bei meinem ersten Training konnte ich allerdings nur auf einer Decke vor einem Heater sitzen: Ich hatte leider keine Sportklamotten dabei.
Um möglichst viele Dinge anzusehen, begleitete ich einen Tag später einen Kollegen ins Judo. Diese ebenfalls japanische Sportart ist auf der ganzen Welt unglaublich populär, in Japan selbst nicht sonderlich. Diesmal konnte ich allerdings teilnehmen. Zu meinem Schreck bestand das Aufwärmen nebst Streching aus Sprungrollen, Handständen, Handstandüberschlägen usw. Jeder, der mich seit der Kindheit kennt, weiss, wie unglaublich schlecht darin bin. Auch sonst scheine ich keine Begabung fürs Judo zu haben. Die erste Lektion war das korrekte Fallen: Sich solange auf möglichst verschiedene Arten zu Boden werfen, bis es nicht mehr schmerzt, lautet das Prinzip.
Bei der nächsten Übung, jedemanden über die Schulter zu Boden zuwerfen, versagte ich allerdings komplett. Aussserdem ist das ganze eine schmerzhafte Erfahrung gewesen: Viele blaue Flecken begleiteten mich die nächsten Tage. Wirklich ein spannender Sport, aber nichts für mich.
Einige Tage später nahm ich am Kendotraining teil. Es besteht aus Einwärmen, bei dem der "Anführer" bei jeder Übung auf 4 zählt und die Menge mit 5,6,7,8 antwortet. Die Zahlen bis 8 sollte ich nun im Schlaf beherrschen. Danach reiht man sich in der Mitte des Dojo auf und steht den Meistern gegenüber. Man begibt sich auf die Knie (das linke Bein zuerst nach hinten, danach setzt man sich) und legt seine Ausrüstung in der korrekten Anordnung zu Boden. Es wird kurz meditiert und der Meister spricht einige unverständliche Worte. Das Wort "Gambaremashoo" fällt aber immer. "Gambare" bedeutet soviel vie alles geben, Erfolg haben und sich anstrengen. Es ist die japanische Version von viel Glück. Wünsche, wie "Guten Appetit, gute Besserung und Gesundheit" existieren nicht, was ich ziemlich frustrierend finde.
Nach dem Anlegen der Ausrüstung folgt 1h intensives Training. Ich erhalte seit meinem Eintritt in den Club Privatunterricht von unserem Lehrer, trainiere aber langsam häufiger mit anderen. Ich habe noch keine Panzerung, deshalb lerne ich zurzeit verschiedene Angriffsformen, die alle seltsame Namen haben und ich Mühe habe, sie zu merken. Am Ende und Anfang eines jeden Kampfes verbeugt man sich, allerdings in der richtigen Distanz und mit Augenkontakt. Wie bei Angriffen bewegt man sich auch bei diesen Höflichkeitsformen mit dem rechten Bein in Vorlage zuerst vor. Man kann sich vorstellen, wie es in meinem Hirn rattert, bei jedem vor- und Zurückweichen das richtige Bein zuerst zu bewegen. Bei Vortbewegung trägt man das Shinai an der Taille, bei stehenbleiben entweder gestreckt vor dem Körper oder lose an der Seite. Bei der Verbeugung ist das Kinn eingezogen, der Rücken gerade und den Blick im Kontakt mit dem Gegenüber. Mit Sicherheit vergesse ich immer Eines dieser Dinge.
Am Schluss trifft man sich nochmal in der Mitte des Dojo, es folgt eine Rede jedes Lehrers, der anwesend ist, dabei verbeugt man sich mehrmals in dessen Richtung. Nach Ablegen der Rüstung wird nochmals meditiert, danach verabschiedet man sich bei jedem Lehrer einzeln. Dabei reiht man sich auf den Knien sitzend vor diesem auf und verbeugt sich mehrmals unterwürfig. Jeder erhält eine Rückmeldung, die man dankend mit den richtigen Floskeln entgegen nimmt. Gestern lernte ich dabei das korrekte Verbeugen auf den Knien: Ellenbogen eingezogen und Nase zu Boden, das Ganze mit fliessender Eleganz. Das Zuschauen und Nachmachen funktioniert nicht immer, manchmal muss man eine korrekte Anweisung erhalten. Bei anschliessender Reinigung nuss ich mich meistens schnell verdrücken, da ich den letzten Bus nicht verpassen darf. Die letzten Tage regnete es, so begebe ich mich per Bus zur Schule, was ich mittlerweile ganz gut beherrsche. Ich bekomme zumindest keine Scweissausbrüche vor Nervosität mehr, was ich als Zeichen allmählicher Anpassung deute. Wenn ich bei der richtigen Haltestelle angelangt bin, ist es bereits sieben Uhr, ich werde in Zukunft jeden Tag um diese Zeit Zuhause ankommen. Das Training findet jeden Tag von 5- halb 7 und am Samstag von Halb 2- halb 5 statt, Langeweile wird vermutlich in nächster Zeit ein Fremdwort.



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen