Der nächste Stopp war im Lehrerzimmer. Auf die Sekunde um 8.25 erhoben sich alle Lehrer von ihren Stühlen und standen an die Wand. Es folgte eine Begrüssung des Principals, eine Verbeugung allerseits und danach stellten sich alle Lehrer vor. Zu allerletzt auch ich.
Nun folgte der Homeroom, wo meine zukünftige Klasse sich aufhielt. In Japan werden die Zimmer nicht gewechselt, sondern die Lehrer haben das Vergnügen, durch die Gänge zu schlurfen. Ja, alle Japaner, Männer, Frauen, Kinder, Erwachsene heben ihre Fersen nicht gern vom Boden. Auch im Anzug nicht. Mein Klassenlehrer rief die Klasse zusammen, meine Klasse kann eine ziemlich hohe Dezibelzahl erreichen. Um dem entgegen zu wirken, stimmte mein Klassenlehrer eine Rede mit noch höherer Dezibelzahl an und liess alle Schüler aufstehen. Wieder wurde ich gebeten, nach vorne zu treten und mich vorzustellen. Einige Blätter wurden ausgeteilt (einschliesslich meines Stundenplans, von dem ich allerdings später eine Übersetzung brauchte), und man begab sich anschliessend in die Aula. Auf dem Weg dorthin wurde ich von unzähligen mandelförmigen Augen bestaunt, während ich meinem Lehrer hinterherdackelte. Das kann ich mittlerweile schon ziemlich gut. Um Viertel vor 9 hatten sich alle Schüler der Schule in perfekten Kolonnen in der Turnhalle vor einer grossen Bühne (mit Vorhang!) versammelt und der Prorektor begab sich ans Mikrophon. Als erstes wurden 4 neue Lehrer vorgestellt, sie durften nach vorn auf die Bühne, wo man sich zuallererst nach dem Treppchen zum Podium hin verbeugt. Es folgten weitere Reden, von denen ich kein Wort ausser "Guten Morgen" und "sehr erfreut" verstand. Danach durfte auch ich mein Sprüchen aufsagen, ich hatte dafür extra eine kleine Rede vorbereitet (müssen) und sie von meiner Gasteltern korrigieren lassen. Meine Rede in meinen zitternden Händen stellte ich mich vor. Ich verhaspelte mich sogar nur einmal. Danach durfte auch ich mich in die Kolonnen der Schüler, die mittlerweile am Boden sassen (mh sehr japanisch), begeben. Es folgten weitere 45 Minuten von Reden, während meine Beine einschliefen und meine Hände eine ungesund blaue Farbe annahmen, passend zur Temperatur in der Aula. Auf dem Weg zurück in den Homeroom nahmen mich einige Mädchen mit, die ununterbrochen Fragen stellten und auf meine Antworten mit "KAWAII!" antworteten. Japanerinnen finden alles kawaii, von meinen Hobbies, bis zu meinem angeblich kleinen Gesicht. Das war das erste, das ich von meinen Mitschülerinnen gehört habe.
Nach kurzem Aufenthalt im Homeroom, wo mir eine amerikanische Englischlehrerin beistand, ging's zur Cleaning Session. Japanische Schulen verfügen über kein Putzpersonal, dafür gibt es Schüler. Zum Abschluss meines Morgens wurde ich erneut ins Lehrerzimmer versetzt, wo mir mein Englischlehrer meine Fächer erklärte, das Wörterbuch war dabei ein wichtiges Hilfmittel seinerseits. Ich meine, wieso sollte man als Englischlehrer das Wort "Medicine" können?
Als Fremdsprache gibt es hier nur Englisch, dafür in mehreren Ausführungen: Conversation, Grammar und Culture studies. Wenn es 3 verschiedene Schulfächer gibt, ist es mir ein Rätsel, warum die meisten Leute Probleme haben, einfache Sätze von sich zu geben. Ich glaube mein Englisch muss hier wahrlich unter die Top 10 gehören, dabei finde ich es durchschnittlich.
Eine weitere Top Kandidatin traf ich ebenfalls im Lehrerzimmer: Eine Rotary-Austauschschülerin namens Emma, die mich unbedingt treffen wollte. Ihre Herkunft aus Texas hört man ihrem Englisch nicht an, dafür ihrem Japanisch. Wir werden in Zukunft wohl viel Zeit miteinander verbringen, da sie seit August hier ist und mir Japanisch beibringen soll. In allen Stunden, die "altes Japanisch" oder "modern literature" betreffen, werden wir freigestellt. An den Samstagen bin ich überigens auch nicht schulpflichtig, worüber ich sehr froh bin. Die Lektionen seien langweilig, Emma zufolge. Sie ist schon seit mehreren Monaten hier und versteht im Unterricht noch kein Wort. Das kann ich mir gut vorstellen, biologische und chemische Begriffe gehören nicht unbedingt zu den ersten Wörtern, die man lernt. Mein Stundenplan gleicht meinem Zuhause ein wenig: Ich werde Mathematik, Englisch, Politik, Turnunterricht und Geschichte besuchen, auch wenn es sich um japanische Geschichte handelt. Es gibt auch 2 Profile, die man wählen muss: Während sich einige mit alter Literatur beschäftigen, lernen andere etwas über höhrere Mathematik. Während diesen Stunden bin ich dazu aufgefordert, in der Bibliothek mit Emma zu lernen.
Nach diesem Treffen wurde ich von meinem Lehrer verabschiedet und ich traf mich mit meinem Gastvater am Bahnhof Takada-station. Des Regens sei dank wurde ich mit dem Auto nach Hause gefahren, wo mein wohlverdientes Mittagessen auf mich wartete.
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