Samstag, 18. April 2015

Das kulturreiche Wochenende

In diesem Eintrag möchte ich über mein erlebnisreiches Wochenende berichten. Den Samstagmorgen verbrachte ich wie üblich mit Wäschewaschen und Staubsaugen. Ich wasche meine Wäsche einmal pro Woche, der Zustand meines Zimmers steht ebenfalls unter meiner Verantwortung. 
In Japan sind Samstage normale Arbeitstage, Privatschulen (wie meine) haben oft auch samstags Lektionen. Geschäfte entscheiden selbst über ihre Öffnungszeiten, sonntags einzukaufen ist selten ein Problem, da die meisten Leute nur dann frei haben. So fuhren mein Vater, meine Mutter und ich zu dritt ins Einkaufsviertel am Bahnhof, da ich das Bedürfnis nach einigen Einkäufen hatte (unter anderem Briefpapier und kleinere Mitbringsel). 
Nach einem schnelleren Mittagessen machte ich mich erneut auf den Weg in die Stadt. Im Dojo meiner Schule fand eine Eröffnugszeremonie statt, weil ebengenanntes erst neu gebaut worden war. 
Bis 3 Uhr nachmittags waren viele wichtige Leute eingetroffen, allesamt in Anzügen und Socken. Meine Mitschüler hatten den Vormittag über Unterricht, so dass alle ihre Schuluniform trugen. Der Kontrast der Uniform mit den farbigen Socken ist wirklich amüsant. Glücklicherweise trug ich ein Standardmässiges schwarzes Outfit, womit ich nicht allzu sehr auffiel. Blöderweise bin ich aufgrund meines nicht-japanischen Aussehens immer ein Exot.
Die Zeremonie begann pünktlich um 3, mit einer kurzen, ersten Ansprache unseres Prorektors(?), der die Schule in der Öffentlichkeit vertritt. Als nächstes trat ein Mann, ganz in weiss gekleidet nach vorne: Es handelte sich dabei um einen shintoistischen Priester, welcher das Dojo segnen sollte.  Das funktioniert in einer Art "Rap-Manier": Ein monotoner Gesang mit gesprochenen und sich wiederholenden Worten begleiten einige Gesten, wie Feuersteine aneinanderschlagen. Die Götter brauchen allerdings eine ganze Weile, bis sie auf Menschen aufmerksam werden: Die ganze Sache zog sich mindestens 20 Minuten hin.
Den Hauptteil der Zeremonie bildeten allerdings Reden, von allerlei wichtigen Menschen, die mit der Schule, Kendo oder Judo zutun haben. Danach präsentierten zuerst 2 Judo-Meister, danach 4 Leute unserer Kendo-Truppe eine Vorführung/Form. Bei  der Kendodemonstration wurden die von der Schule bereitgestellten Katana benutzt. Diese sind allerdings Fälschungen, deswegen aber immernoch einiges schwerer als ein Shinai. Bei der Demonstration folgt eine Bewegung nach der anderen, nichts darf vergessen werden. Bei den vorangehenden Proben achtete unser Meister streng auf die Haltung und Höhe der Schwerter. 
Natürlich bildete der Abschluss einige kurze Worte des Prorektors und eine Fotosession. Das Aufräumen wurde uns Mitgliedern des Kendo/Judo-Clubs überlassen und nach Wiederauftauchen eines Lehrers wurden auch wir entlassen.
Bei meiner Ankunft Zuhause waren meine Schwester bereits mit dem Abendessen beschäftigt: Selbstgemachte Gyoza (asiatische Teigklösschen) werden ähnlich wie Ravioli gemacht: Den Teig kann man kaufen, die Füllung wird selbsthergestellt und die Gyoza anschliessend von Hand geformt. Dies stellte sich als schwieriger heraus, als es aussieht. Ein rundes Stück in die linke Hand, den rechten Zeigefinger anfeuchten und den Rand des Teiges befeuchten. Wenn man die Füllung nun in die Mitte des Teig-Kreises plaziert hat, beginnt man mit zusammenfalten der Teigränder, eine einfache Sache, wenn man 3 Hände hätte. Doch der Teig reichte für 2 volle Teller von Gyoza, womit ich viel Übungsmaterial hatte.
Nach dem Abendessen wurde ich in die Kunst der Kalligraphie eingeführt, für die ich allerdings kein Talent zu haben scheine: Man kann die typisch-dicken Pinsel in Filzstiftform in jedem Konbini kaufen, benutzt sie allerdings selten im Alltag. Meine Schwestern versuchten mir einenhalb Stunden den Grundstrich beizubringen, doch leider entstanden anstatt der schönen Formen eher seltsame Bananen. Man hält den Pinsel/Stift mit Daumen und 1 oder 2 weiteren Fingern. Der Stift muss kerzengerade in der Luft stehen, auch während dem Malen darf er nicht kippen. Bei zu viel Druck und Bewegen des Handgelenks misslingt alles, man bewegt den ganzen Arm ganz locker. Meistens vergesse ich eines dieser Dinge, weshalb auch am Ende nicht viel Gescheites dabei entstand.  Allerdings fand ich heraus, dass es 2 Wörter für Kalligraphie gibt, man benutzt aber dieselben Kanji sie zu beschreiben. Das eine bezeichnet die Schreibkunst als Kunstform, bei der der Künstler seine persönliche Note in Form von vielen Schnörkeln hinzufügt. Das andere ist das blosse Schreiben, wobei der Leser die Kanji auch lesen können sollte.
So viel zu meinem Samstag mit japanischer Kultur. Am Sonntag präsentierte ich meiner Familie meine Kultur: Ich ass zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Asien ein Toast(allerdings ungeoastet) mit Butter und Honig. Wir haben Honig, Butter und Blaubeermarmelade im Haus, doch diese Lebensmittel werden selten zusammen mit Brot kombiniert. Am Vormittag war mein Vater arbeiten, die eine Schwester hatte "Club-Aktivität" (was für sie Brassband/BigBand mit Klarinettenspielen ist, ist für mich Kendo), die andere legte ihre praktische Fahrprüfung ab. Meine Mutter hatte mich vor einigen Wochen gebeten, einen typisch-aargauerischen Karottenkuchen zu machen. So fuhren wir zu zweit Einkaufen, um Zimt, Mandeln und Co. zu besorgen. Da wir anstatt eines Backofens eine  Fusion aus Mikrowellen-Toaster besitzen, stellte sich das ganze als Experiment heraus. Japan ist das Gegenstück zu Amerika im Grössenverhältnis: Eine neugekaufte Springform weist ungefähr die Hälfte des mir bekannten Durchmessers auf. Auch wenn ich die Rezeptmenge halbierte, entstanden am Schluss 2 Kuchen. Da 200 Grad in einem winzigen Ofen etwas viel ist, meldete meine Nase nach 2 Minuten einen leichten Brandgeruch. Glücklicherweise funktioniert auch mit diesem speziellen Gerät den Aluminiumfolientrick. Die Backzeit musste ich etwas anpassen, doch das Ergebnis begeisterte die ganze Familie. Ich denke, mein nächstes Experiment wird ein traditioneller Frühstückszopf, nebst Rösti, Älplermagronen und Co. Am Nachmittag bestaunte ich dafür die sonderbare Technikwelt: Wir fuhren in einen Telefonshop, ähnlich unseren Swisscomfilialen. In Japan gibt es ebenfalls 3 grosse Ketten für Tablet, Smartphone und Co. Doch während bei uns die "Klapphandys" schon lange nicht mehr gebräulich sind, sind sie hier häufiger zu sehen als Smartphones. Es gibt Telefone für Kinder, mit Alarmknopf und GPS und mir unbekannte Smartphonehersteller. Aussserdem die neusten Geräte, die ich in der Schweiz noch nicht gesehen habe. Allerdings sind mir die neusten technischen Modelle nicht geläufig. 
Nach der Ankunft Zuhause gab's eine Tee- und Kaffepause mit Kuchen, danach begab sich meine Mutter direkt in die Küche, schliesslich macht sich das Abendessen nicht von selbst und wir essen früh: Meistens nach halb 7. Unter der Woche gehören meine Schwester und ich zu den ersten: Wir essen nach der Schule, um halb 8-8. Meine Eltern erreichen ihr Zuhause frühstens um halb 9, das scheint für Lehrer normal zu sein. Wenn  es ein Alkohol-Meeting gibt, ist man vor 11 nicht Zuhause. 

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