Ich habe nun 2 Tage Schule hinter mir. Hier ist alles anders, von A-Z. Bei jedem Stundenbeginn und Schluss erhebt man sich. Offiziell bin ich hier Nummer 37, im 3. Jahr, in der 1. Klasse (höchstes Niveau soll das heissen). Mein Locker im Eingangsbereich für die Schuhe hat demnach die Nummer 3137. Bei Betreten eines öffentlichen Gebäudes werden fast immer die Schuhe ausgezogen, die man im Eingangsbereich verstauen kann. Unterricht findet praktisch immer im "Homeroom" statt: Ich habe einen zugewiesenen Platz, mit Tischplatte der Grösse von etwas mehr als 2 A4-Blättern. Die allererste Stunde war eine Ausnahme: Jeder sollte für sich gewisse Seiten in einem "Englisch"-Buch studieren, da in der 4. Stunde einen Test stattfindet. Mir wurde ein Buch gereicht und Seitenzahlen zum Studieren mittgeteilt. Japaner sind keine Freunde der Worte, eher von Taten. Mein Klassenlehrer(Englischlehrer) zumindest. Nach einer Stunde nutzlosen Herumsitzens und Herumblätterns fühlte ich mich ziemlich verloren. Glücklicherweise tauchte danach mein Lichtblick auf: Pamela-sensei, eine Amerikanerin, die hier Englisch unterrichtet. Sie spricht ziemlich perfekt Japanisch, was zwingend ist, da Englischunterricht auf Japanisch läuft. Während einer Einführung über das letzte 3. Jahr und zukünftige Studiengänge in der Turnhalle stand sie mir als Dolmetscherin und allgemeinen Wissensquelle zur Hilfe. Nach 2h auf dem Bodenherumsitzen fühlte ich mich etwas wohler, dafür hatten meine Fingernägel eine interessante blaue Farbe. Die nächste Stunde konnte ich leider nicht identifizieren, da der Lehrer eine ganze Stunde damit verwendete, uns einen Steckbrief über uns ausfüllen zu lassen. Es folgte als Letztes der Englisch-test, der daraus bestand, in einem Beispielsatz das korrekte fehlende Wort aus einer Auswahl von 4 zu treffen. 4 Seiten lang.
Das Mittagessen wird im Homeroom eingenommen, praktisch jeder Schüler hat ein Obento: Ein Lunchpacket in Dosen verteilt (Reis, Hauptgericht) mit Stäbchen und eine wohltuende Teetermoskanne. Dies ist die Pflicht einer jeder japanischen Mutter. Ich bin froh, dass es unter den scheuen Japaner einige offene Menschen gibt, die mich von Anfang an mehr oder weniger bei sich mitlaufen lassen. So setzt man sich im Homeroom zusammen und isst, bis die nächste Stunde anfängt. Den Nachmittag (3h) verbrachte ich mit Selbststudium, da Moderne Japanische Literatur etwas gewagt wäre, die letzte Stunde hörte ich doch einer Lehrerin zu, die etwas über Sinneswahrnehmung erzählte. Es handelte sich um Biologie und ich bin nun vorübergehende Hüterin eines Biologiebuches, das wunderbar mysteriöse und spannende Zeichen enthält. Um 10 nach 4 ist Schulschluss für alle, danach putzt man 20 Minuten den Homeroom und danach ist jeder auf sich gestellt. Die meisten haben ihre Club-Aktivität, eine unglaublich wichtige kulturelle Angelegenheit. Ich habe mich einer Klassenkameradin (eher der Einzelgängertyp) angeschlossen, die mich ins Kendo mitnahm. Kendo ist die alte Schwertkunst der Samurai. Da ich keine Sportkleidung dabei hatte, sass ich vor einem wunderbaren Heizstrahler auf dem Boden des eiskalten Dojos und schaute zu. Teiweise erzählte mir ein Lehrer, welcher mir am Mittwoch privat Japanisch unterrichtet, etwas über das Kendo. Über die kulturellen Dinge werde ich vermutlich einen extra Blogeintrag schreiben müssen.
Sportclubs trainieren jeden Tag und zwar lange. Ich allerdings verkrümelte mich um 6, da ich nicht wusste, ob später noch ein Bus fährt.
Damit war mein Tag allerdings noch nicht zu Ende, da ich mich erneut einer Odyssee stellen musste. Auf dem Weg zur Schule mit dem Bus (es regnete) war ich blöderweise in den falschen gestiegen. Mithilfe eines unheimlich netten Busfahrers teilte man mir mit, ich sollte bei der nächsten Haltestelle umsteigen. Auf dem Rückweg war ich wieder schrecklich nervös, dass mir wieder ein Missgeschick geschehen würde: Es ist zwar nicht gefährlich, doch unglaublich angsteinflössend, am falschen Ort nachts bei Regen zu landen. Nun, ich bin nicht in den falschen Bus eingestiegen, dafür einige Stationen zu früh. Da ich glücklicherweise beim Einsteigen den Busfahrer über meine Destination in Kenntnis gesetzt habe, rief er mich nach einigen Schritten in den Bus zurück. Ich möchte hierbei ein
Appell des Dankes an japanische Busfahrer aussprechen: Ohne sie wäre ich weder rechtzeitig in der Schule, noch heimgekommen.
Mittwoch lief mein ÖV-Abenteuer besser: Ich nahm einen Bus früher und schaffte es ohne Zwischenfälle in die Schule. Die erste Stunde war diesmal englische Kultur, wo man Texte über Wasserknappheit liest, aber keine Frage des Lehrers beantworten kann. Als nächstes folte "Sportunterricht". Man begibt sich wieder in die Turnhallte und reiht sich in Reih und Glied auf. Danach wird ein bisschen gedehnt. Dann wechselten wir Frauen ins Dojo, wo auch Kendo stattfindet. Dort wurde ein bisschen herumgestanden, bis wir noch ein bisschen dehnten und die Lehrerin aber hauptsächlich nur redete. Ist es normal, dass man nach Sport noch kälter hat als vorher? Duschen ist nie nötig: Man zieht sich (alle zusammen) im Homeroom um, wo man das T-shirt bereits unter Bluse trägt und nur die Hose unter den Rock ziehen muss und anschliessend den Rock aus. Damit keine Peinlichkeiten passieren, lautet das Prinzip zuschauen und nachmachen. Danach folgte eine weitere Stunde Englisch, allerdings bei anderen Lehrern (Pamela-sensei und noch einem, der Englisch wie von einem Tonband spricht). Pamela und ich amüsierten uns prächtig, während sich die Klasse einen Text über die Umweltprobleme von Plastikregeneschirmen einverleibte. Immerhin wurde diesmal mehr auf Englisch als Japanisch unterrichtet.
Danach folgte eine Stunde Privatunterricht mit Emma, der anderen Austauschschülerin über japanische Geschichte. Google-Translator war ein wichtiges Hilfsmittel, aber es war furchtbar spannend. Nach dem Mittagessen folgte eine Stunde Mathematik, wo Polynome gezeichnet wurden, was für mich sogar Repetition war. Ich habe alle Schritte ausser einem verstanden(allerdings nicht sprachlich), was für ein Erfolg. Die letzten 2 Stunden wurden alle Clubaktivitäten für 1. Klässler vorgestellt, ich wollte trotzdem zuhören und verbrachte die Zeit zitternd auf dem Boden. An unserer Schule gibt es kulturelle Aktivitäten wie Shogi, Kalligraphie, Kochen, Malen etc. und Sport: Dazu gehört Basketball, Fussball, Kendo, Judo und noch andere. Heute folgte ich einem Kollegen aus der Klasse ins Judo-Dojo. Auch dies war ausserordentlich spannend und da ich Sportklamotten dabei hatte, wollte ich naürlich unbedingt mitmachen. Nach einem Aufwärmen, bei dem man Handstandüberschläge und andere tolle Dinge machen kann, war ich ein klein wenig frustriert. Immerhin tauchte danach ein Lehrer auf, der mich wenig unter die Fittiche nahm. Allerdings scheine ich keine Begabung fürs Judo zuhaben, das sagen mir meine blauen Flecken und meine schmerzende Hand. Interessant war es trotzdem und ich stehe nun vor der Qual der Wahl.
Bis jetzt fühle ich mich noch ziemlich fremd, aber in der eigenen Klasse ist's okay. Ich habe heute allerdings den Fehler gemacht, die Haare im Pferdeschwanz, anstatt Dutt zu tragen. So hatte ich jede Pause erneut irgendeine Hand in den Haaren. Meine Klasse ist freundlich, aber teilweise etwas "ruppig" häufig sagen sie etwas zu mir, dass ich nicht verstehe. Ich weiss bis jetzt nicht, ob aus Unfähigkeit meiner oder ihrerseits. Morgen ist vermutlich normaler Unterricht, ich allerdings bin schon jetzt Fan von Englisch oder Mathestunden. Auf meinem Stundenplan stehen allerdings noch Wirtschaft, japanische Geschichte und alte Literatur. Ich werde allerdings viel Zeit mit Selbststudium oder mit Emma und ihrem Klassenlehrer bei Privatunterricht in der Bibliothek verbringen. Auch steht die Wahl einer Clubaktivität noch aus.
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