Sonntag, 5. April 2015

Der Kawaii-faktor

Heute ist ein idealer Moment um zu erläutern, was ich letztens mit dem Wort "Kawaii-faktor" gemeint habe. Kawaii ist japanisch und bedeutet süss/herzig. Es lässt sich für fast alles, das einem in Japan gefällt verwenden. Auf Lebensmittelverpackungen, TV-Werbungen, bei Haushaltsgegenständen: Nirgends ist man vor knuffig gezeichneten Comicfiguren sicher. Japan hat eine riesen Reihe von bekannten Charakteren: Hello Kitty wird jeder auch bei uns kennen. Doch Hello Kitty ist nur die Spitze des Eisbergs: Wir besitzen Hellokitty-Essstäbchen, Rilakkuma(Noch eine Figur) und Winnie the Pooh-Teller. Das Tokio Disneyland ist eine beliebte Ausflugsdestination. Japan liebt seine niedliche, pastelfarbene und schrille Welt. Das gehört zur Kultur und macht selbst nicht vor der Erwachsenenwelt Halt. Wo in Europa Kinder im Alter von 10 Jahren keinen Teddy-Teller mehr benutzen wollen, finden die meisten Erwachsenen nichts dabei, solche Gegenstände in den Haushalt aufzunehmen. Allerdings geben nur Teenager Laute (Kawaiii!!) in absurdhoher Frequenz von sich, meistens auch eher weibliche. In unserem Haushalt sind doch in der Elektronik einige Teenager versteckt: Eine betont sexy-süss Stimme begleitet einen beim Autofahren und erinnert die Familie im Wohnzimmer abends daran, dass nun das Badewasser ausreichend aufgeheizt ist. Unsere Waschmaschine gibt auch Töne von sich, doch leider keine Menschenähnlichen: Jeden Morgen um 5 reissen mich schrille Töne einer Melodie aus dem Schlaf. Auch in der Öffentlichkeit ist es nie still: Am Bahnhof ist ständig ein monotones Klingeln zu hören, dessen Sinn ich bis jetzt noch nicht erkannt habe. Natürlich läuft überall Musik und Putzmaschinen verbreiten die Melodie eines Amerikanischen Eiswagens. Man kann sich darüber freuen (einheimische Teenager), es ignorieren (einheimische Erwachsene), sich daran gewöhnen oder daran nerven (die meisten Ausländer) oder es gruselig finden (ich).
Wo ich allerdings heute ein riesen Gaudi hatte, war im riesigen Departementstore, ausserhalb von Jotesu. Eine ehemalige AFS-Austauschschülerin aus Deutschland kehrte für 2 Wochen nach Joetsu zurück und hörte von meiner Anwesenheit. Dabei wurde schnell ein Treffen organisiert, das meine Gastschwester, Franka (die Austauschschülerin), ihre Kollegin, eine AFS-Volunteer und mich beinhaltete. Wir trafen uns am Bahnhof und fuhren zusammen in den Depaaa-tooo, um den "Japanischen"-Ausdruck dafür zu verwenden: Praktisch alle neuen Wörter, wie beispielsweise Elektronikartikel, tragen ihren Originalnamen, allerdings mit der (eherschwachen) japanischen-Aussprache. Japaner können weder ein "-th" aussprechen, noch L und R voneinander unterscheiden. So habe ich bei meiner Ankunft den Namen Rooora-chan erhalten. Das -chan ist eine Anrede, die man Mädchen und kleinen Kindern gibt. (Noch so ein Kawaiifaktor). Der erste Teil meine Namens ist mein wirklicher Name, nur japanisch-englisch ausgesprochen.
Zurück zum Thema: Im Departementstore gibt es allerlei Krimskrams, Kleidung, Essen und einen Gamecorner. Unser erster Zwischenhalt war in einem Allerleiladen, wo es hauptsächlich Kleingegenstände mit niedlichem Design gibt. Das geht von Plüschtieren bis Briefpapier mit Hellokitty. Rein weisses Papier ist nicht erhältlich. Nach einem Sightseeing durch den Store begaben wir uns zu unserem eigentlichen Ziel: Den Gamecorner, genauer gesagt, die Purikura-Ecke. Was sich wie eine Modekette oder ähnliches anhört, ist ein fester Bestandteil der japanischen Kultur und eine Freizeitbeschäftigung unter weiblichen Teenagern. Einfach gesagt sind es Automatenfotos, die sich verzieren lassen und überall unter Freunden geteilt werden. So einfach ist es allerdings doch nicht. Vor dem Betreten einer Kabine lässt man schnell 400 Yen in den Münzschlitz und widmet sich dem 1. Bildschirm: Das Design der Karte am Ende und des Hintergrundes muss gewählt werden. Dabei hat man 30 Designs zur Auswahl und 90 Sekunden Zeit. Danach werden in der Kabine Fotos geschossen, wo man nach jedem Foto 5 Sekunden Zeit hat, die Position zu wechseln. Ihr seht, worauf ich hinauswill: Das Ganze gestaltet sich als ziemlich stressig, wenn man ständig eine Zeitlimite hat und nicht genau versteht, was man zu tun hat. Nach dem Foto-Schiessen kann man seine Fotos mit Stickers, Photoshop und Auschrift verzieren. Dabei werden die Augen zur Unkenntlichkeit verzerrt/vergrössert, die Lippen rotangemalt, Rouge aufgetragen und den Rest des Gesichtes gerne weiss-verschwommen geebnet. Japanische Schönheitsideale lassen sich mit karikaturierten Geishas vergleichen. Danach kann man einen Fotobogen ausdrucken und ist endlich fertig. Nach 5 Purikura-Sessions trennten sich unsere Wege schon. Man begab sich zurück zum Auto und nach Hause.
Fazit: Das Purikura ist ein Must-do in Japan, und in toller Gesellschaft unheimlich witzig. Das heutige Japan lässt sich in den Stichworten Kawaii gut beschreiben und auch ich als nicht-rosa-Liebhaber finde Gefallen daran. Kein guter Stressabbau, aber ein aufregender und spassiger Ferienabschluss.

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