Dienstag, 21. April 2015

Gambare!

Um das Bildungswesen sowie die Psychologie der Japaner zu beschreiben, reicht dieser Ausdruck vollkommen aus. Der Befehl "Gambare/Gambete" ist schwierig zu übersetzen: Ich höre ihn jeden Morgen beim Morgen Appell des Lehrers, wenn unser Rektor im Dojo auftaucht, wenn eine Prüfung ansteht, wenn das Wochenende vorbei ist...
Es  ist ihre Version von "viel Glück" kombiniert mit "gib alles, hab Erfolg und streng dich an". Von Schülern wird erwartet, dass sie immer 100% geben, vor allem im Kendo. Man beginnt und beendet das Training mit Worten des/der Meister, welche sich meistens ein bisschen wiederholen. Der Befehl "Gambare" fällt dabei mehrere Male. 
Da ich mich auch in der Abschlussklasse der Highschool befinde, verbringen viele Zeit damit, ihr Wunschstudium und Liebingsuniversität auszuwählen. Japaner arbeiten dabei unglaublich viel: Die meisten Arbeitstätigen Leute arbeiten in Büros oder Schulen. Nach der Arbeit geht man allerdings nicht gleich nach Hause, erst wenn der Chef gegangen ist und meistens geht man zusammen in eine Bar und hält ein "Nomi-Kai", was übersetzt eine Kurzversion (Japaner lieben das) von Alkohol-Meeting ist, bis in die späte Nacht. Von Erwachsenen so wie von Schülern wird also viel gefordert. Natürlich auch von mir, schliesslich sollte ich irgendwann mehr als nur einzelne Sätze im Unterricht verstehen. 
In Unterrichtslektionen wo ich gar nichts verstehe (Literatur, Biolgie..) setze ich mich mit meinen Japanisch-Büchern auseinander. Allerdings wird dies mit der Zeit etwas langweilig, weshalb ich je länger desto weniger gern die Schule gehe. Doch die Leute sind nett und Kendo mag ich sehr gern, auch wenn mein Trainer meine primitiven Sätze meistens nicht versteht. 
In der Schule "Finde die Unterschiede" zu spielen ist nicht schwierig: Im Eingangsbereich wechselt jeder die Schuhe, was wir in der Schweiz ja nicht zu tun pflegen. Ausserdem gibt es die berühmten Automaten für alle möglichen Teesorten und Getränke auch hier im Schulgebäude, genau wie an jeder Strassenecke. Zusätzlich gibt es eine Krankenschwester, falls man sich (im "Sportunterricht") mal verletzen sollte. Im Sportunterricht beginnt man immer zuerst mit einem Einwärmen, dass man in Reih und Glied zu absolvieren hat. Dies läuft ziemlich militärisch ab, schwitzen tut man jedoch trotzdem nicht. Auch wie bereits erwähnt, zieht man sich im Klassenzimmer um. 
Die Beziehung zu den Lehrern ist entgegen meiner Erwartungen ziemlich freundschaftlich: Auch wenn man sich immer mit Respekt begegnet, ist mein Klassenlehrer nicht sonderlich streng. Er dröhnt bei zu wenig Aufmerksamkeit gerne im Zimmer herum und lacht gleichzeitig mit anderen. Nachmittags, wenn die Schläfrigkeit zuschlägt, wird der Redefluss eines Lehrers häufiger durch die Worte "Aufwachen" unterbrochen. Viele schlafen auf den Bänken, ich muss zugeben, dass auch ich Ende des Unterrichts, meistens aber nur in der Pause, ein 10- Minuten Schläfchen einlege. 
Mein Schultag besteht aus 4 Lektionen am Morgen, danach folgt eine 45 Minütige Mittagspause. Dabei ist es Tradition, dass jede Mutter, welche früh aufsteht, ihrem Sprössling eine Lunchbox (Obento) zubereitet. Dies ist häufig eine Sache des Stolzes, jede Mutter will, dass ihr Kind frisches Essen und nicht Reste aus dem Kühlschrank zu essen hat. Die Konsequenz davon ist der Weckruf um 4 Uhr morgens.
Hierbei handelt es sich um mein tägliches Mittagessen: Reis, Früchte und Hauptgang, der aus mehreren Häppchen besteht.
 Am Nachmittag hat man 3 weitere Lektionen, eine anschliessende Putzaktion der Schule und einige abschliessende Worte des Klassenlehrers. Danach gehen allerdings nicht alle nach Hause: Die Clubs stehen schliesslich an. So verbringe ich 1,5-2h am Abend damit, mit Schreien auf meinen Lehrer einzuprügeln und dabei die Haltung nicht zu verlieren. Das Schreien ist notwendig, auch wenn man den Sauerstoff besser für den Schlag anstatt zum Schreien verwenden sollte. Auch wenn ich mich jeden Tag anstrenge: Gelegentlich treffe ich daneben, dann hat mein Lehrer einen neuen blauen Fleck am Ellenbogen. Treffen ist wahrlich eine Kunst. Es wird auch viel Wert auf Haltung gelegt. Nur nach 1h Training, wenn die Arme lahm werden, ist dies nicht mehr so möglich, egal wie oft man vom Lehrer erinnert wird. Nach halb 7 verdrücke ich mich meistens. In den letzten Tagen war es sonnig, weshalb ich dann auf dem Fahrrad durch die eindunkelnden Strassen Joetsu's nach Hause fahre. Vom Quietschen des Dynamos und Klappern meiner leeren Obento-box im Fahrradkorb begleitet, strample ich dann etwa 20 Minuten. Wenn dann die Müdigkeit durch meinen Körper strömt, während auf den Reisfeldern die Frösche quaken, habe auch ich meinen Tag absolviert und bin nach einem Abendessen, Bad und genug Schlaf bereit für den nächsten Tag. "Gambare!"

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