Das Wochenende ist der einzige Zeitraum, wo sich die Familie zusammen zum Essen trifft. Mehr oder weniger zumindest. Das Frühstück ist um halb 8, meistens gibt es dabei zum üblichen Essen (Reis, Salat und Reste aus dem Kühlschrank) noch ein Omelett oder Spiegelei. Beides wird mit Stäbchen gegessen und auf das Spiegelei streut man kein Salz oder Pfeffer sondern Soyasauce.
Letzten Samstag brachen wir um 10 auf zu den Grosseltern. Sie wohnen in der Nachbarstadt, die landschaftlich eher einem Dorf gleicht. Ich hatte dabei die Gelegenheit, den Park zu besichtigen. Dort blühen immernoch Kirschbäume, es gibt einen kleinen Teich, viele Picknicktische und eine super Aussicht auf Myoko (die Stadt selbst) und Joetsu, mein derzeitiges Zuhause.
Nach einem Einkaufstrip gab's Zuhause selbstgemachte Ramen: Eine ursprünglich aus China stammende Nudelsuppe mit Inhalt. Was für uns Mikrowellenpizza ist, kennen sie als Cup-Ramen: Instant Nudeln im Becher, die nur einen heissen Aufguss von Wasser und 3 Minuten Wartezeit benötigen. Es gibt Ramenbars, anstelle von Pizzerien und man kann die Nudeln mit Gewürzmischung für die Suppe auch im Supermarkt kaufen. Ich persönlich bevorzuge frische anstatt Instant-Ramen.
Am Nachmittag besichtigten meine ältere Schwester und ich das Aquarium am anderen Ende der Stadt. Ich hatte zum ersten Mal einen Ausblick auf die japanische See.
Das Aquarium selbst ist niedlich, schön anzusehen und informativ. Die Tierhaltung ist zu meiner Enttäuschung (und doch Erwartung) mässig. Meistens haben die grössten Tiere die höchste Dichte an Individuen pro Aquarium. Häufig schwimmen die armen Tiere in einem blossen Betonbecken, ohne Algen oder sonstige als Unterschlupf dienende Dekoration. Ich war dennoch fasziniert: Es fanden sich die seltsamsten Kreaturen, die ich bis jetzt je gesehen habe. Von Quallen bis zu molch-/froschartigen Fischen. Das Aquarium ist ausserdem bekannt für seine Pinguine: Es hält die meisten Pinguine in ganz Japan. Diese sind ganz knuffig und man kann zu bestimmten Zeiten die Fütterung aktiv beobachten. Man erhält dabei zwei tote Fische in die Hand gedrückt, japanische Kinder stören sich nicht am Anblick dieser, und kann sie den Pinguinen ins Becken werfen. Im Sommer gibt es ausserdem eine Delfin-Show. Das ganze Jahr über halten sie wohl keine Delfine im Aquarium.
Zum Abendessen gibt es an den Wochenenden auch immer etwas Besonderes: Am Samstag waren es asiatische Hamburger, bei uns Schweizern besser als "Hacktätschli" bekannt. Sie funktionieren allerdings genau gleich, ausser dass man Tofu dazu gibt und sie möglichst weich und locker formt, und nicht in Form presst.
Am Sonntag waren wir alle schon um viertel vor 7 um den Küchentisch versammelt. Meine kleinere Schwester hatte BigBand (Clubaktivität), mein Vater ging vermutlich arbeiten und meine Mutter, ältere Schwester (ane in Japanisch) fuhren erneut zu den Grosseltern nach Myoko. Wir lieferten meine ane dort ab und sammelten die Grossmutter auf: Der Grossvater ist in nicht mehr ganz selbstständiger Kondition, weswegen meine Schwester ihm Gesellschaft leistete. Zu dritt ging's dann mit dem Auto weiter in die Berge. Ende April wächst hier alles Mögliche, darunter auch essbares "Berggemüse"(so lautet die wörtliche Kanji-Übersetzung). Mit Gummistiefeln und traditionellen Sonnenhüten aus der Edo-Zeit (1600-1868) bewaffnet, krabbelten wir auf den Steilhängen der japanischen Hügel herum.
(Hierbei möchte ich euch den Anblick dieser Riesen-Kapuzen nicht ersparen, man beachte meinen Gesichtsausdruck)
Während bei uns typischerweise riesige Eichen wachsen, sind hier eher Magnolienbäume, Sakura und Tannen anzutreffen. Anstatt Brombeerhecken findet sich Bambus im Überfluss. Auf die hatten wir es unter anderem abgesehen: Bambussprossen sind eine häufige Zutat in der Küche. Ansonsten sammelten wir noch anderes Grünzeug, vergleichbar mit unserem Spinat und Petersilie. Die Flora Japans ist unglaublich faszinierend, die Anzahl Käfer zu dieser Jahreszeit ebenfalls. Die meisten Pflanzen sind mir unbekannt, doch Löwenzahn, Veilchen und Taubnessel sind auch hier zu finden. Nach reicher Ausbeute trank man noch den üblichen Kaffee (gerne auch Grüntee) auf dem Wohnzimmerboden und nach einem Zwischenstopp an der Tankstelle und Supermarkt, trafen wir am späten Vormittag Zuhause ein. Danach ist die Arbeit noch nicht zu Ende: Bambus muss geschält (eine unglaublich mühselige Arbeit) und danach einige Zeit mit Reismehl in Wasser gekocht werden. Nach etwa einer halben Stunde getaner Arbeit ist man definitiv bereit für ein Mittagessen.
Den Nachmittag verbrachte ich mit Lesen und aufgrund des perfekten Sommerwetters mit einer einstündigen Joggingrunde. Zum Abendessen gab es dann die Früchte unserer Arbeit. Bambus-Misosuppe, und 2 weitere Gemüsesoren gesotten und gewürzt. Das Berggemüse ist leicht bitter, was ich persönlich aber mag. Ausserdem hat es auf einer Gesundheits-Skala von 1-10 eine 9. Schliesslich Bio, frisch und viele Nährstoffe. Ansonsten gab's natürlich noch Reis, Salat und heute noch frisches Sashimi. Ebenfalls sehr gesund und lecker. Glücklicherweise habe ich kein Problem damit, rohen Fisch zu essen. Welchen Fisch ich genau gegessen habe, weiss ich allerdings nicht. Häufig habe ich keine Ahnung was ich esse, und teilweise will ich es auch gar nicht wissen.





































