Sonntag, 26. April 2015

Flora und Fauna

Dieses Wochenende war mal wieder abwechslungsreich. Das beginnt mit den exotischsten Meeresbewohnern und endet mit selbstgemachter Bambus-Misosuppe. Was wie ein Gericht aus dem Kindersandkasten klingt, ist eine erstaunlich mühselige und leckere Angelegenheit. Doch beginnen wir chronologisch.
Das Wochenende ist der einzige Zeitraum, wo sich die Familie zusammen zum Essen trifft. Mehr oder weniger zumindest. Das Frühstück ist um halb 8, meistens gibt es dabei zum üblichen Essen (Reis, Salat und Reste aus dem Kühlschrank) noch ein Omelett oder Spiegelei. Beides wird mit Stäbchen gegessen und auf das Spiegelei streut man kein Salz oder Pfeffer sondern Soyasauce. 
Letzten Samstag brachen wir um 10 auf zu den Grosseltern. Sie wohnen in der Nachbarstadt, die landschaftlich eher einem Dorf gleicht. Ich hatte dabei die Gelegenheit, den Park zu besichtigen. Dort blühen immernoch Kirschbäume, es gibt einen kleinen Teich, viele Picknicktische und eine super Aussicht auf Myoko (die Stadt selbst) und Joetsu, mein derzeitiges Zuhause.
Nach einem Einkaufstrip gab's Zuhause selbstgemachte Ramen: Eine ursprünglich aus China stammende Nudelsuppe mit Inhalt. Was für uns Mikrowellenpizza ist, kennen sie als Cup-Ramen: Instant Nudeln im Becher, die nur einen heissen Aufguss von Wasser und 3 Minuten Wartezeit benötigen. Es gibt Ramenbars, anstelle von Pizzerien und man kann die Nudeln mit Gewürzmischung für die Suppe auch im Supermarkt kaufen. Ich  persönlich bevorzuge frische anstatt Instant-Ramen.
Am Nachmittag besichtigten meine ältere Schwester und ich das Aquarium am anderen Ende der Stadt. Ich hatte zum ersten Mal einen Ausblick auf die japanische See. 
Das Aquarium selbst ist niedlich, schön anzusehen und informativ. Die Tierhaltung ist zu meiner Enttäuschung (und doch Erwartung) mässig. Meistens haben die grössten Tiere die höchste Dichte an Individuen pro Aquarium. Häufig schwimmen die armen Tiere in einem blossen Betonbecken, ohne Algen oder sonstige als Unterschlupf dienende Dekoration. Ich  war dennoch fasziniert: Es fanden sich die seltsamsten Kreaturen, die ich bis jetzt je gesehen habe. Von Quallen bis zu molch-/froschartigen Fischen. Das Aquarium ist ausserdem bekannt für seine Pinguine: Es hält die meisten Pinguine in ganz Japan. Diese sind ganz knuffig und man kann zu bestimmten Zeiten die Fütterung aktiv beobachten. Man erhält dabei zwei tote Fische in die Hand gedrückt, japanische Kinder stören sich nicht am Anblick  dieser, und kann sie den Pinguinen ins Becken werfen. Im Sommer gibt es ausserdem eine Delfin-Show. Das ganze Jahr über halten sie wohl keine Delfine im Aquarium. 
Zum Abendessen gibt es an den Wochenenden auch immer etwas Besonderes: Am Samstag waren es asiatische Hamburger, bei uns Schweizern besser als "Hacktätschli" bekannt. Sie funktionieren allerdings genau gleich, ausser dass man Tofu dazu gibt und sie möglichst weich und locker formt, und nicht in Form presst.
Am Sonntag waren wir alle schon um viertel vor 7 um den Küchentisch versammelt. Meine kleinere Schwester hatte BigBand (Clubaktivität), mein Vater ging vermutlich arbeiten und meine Mutter, ältere Schwester (ane in Japanisch) fuhren erneut zu den Grosseltern nach Myoko. Wir lieferten meine ane dort ab und sammelten die Grossmutter auf: Der Grossvater ist in nicht mehr ganz selbstständiger Kondition, weswegen meine Schwester ihm Gesellschaft leistete. Zu dritt ging's dann mit dem Auto weiter in die Berge. Ende April wächst hier alles Mögliche, darunter auch essbares "Berggemüse"(so lautet die wörtliche Kanji-Übersetzung). Mit Gummistiefeln und traditionellen Sonnenhüten aus der Edo-Zeit (1600-1868) bewaffnet, krabbelten wir auf den Steilhängen der japanischen Hügel herum.
(Hierbei möchte ich euch den Anblick dieser Riesen-Kapuzen nicht ersparen, man beachte meinen Gesichtsausdruck)
Während bei uns typischerweise riesige Eichen wachsen, sind hier eher Magnolienbäume, Sakura und Tannen anzutreffen. Anstatt Brombeerhecken findet sich Bambus im Überfluss. Auf die hatten wir es unter anderem abgesehen: Bambussprossen sind eine häufige Zutat in der Küche. Ansonsten sammelten wir noch anderes Grünzeug, vergleichbar mit unserem Spinat und Petersilie. 
Die Flora Japans ist unglaublich faszinierend, die Anzahl Käfer zu dieser Jahreszeit ebenfalls. Die meisten Pflanzen sind mir unbekannt, doch Löwenzahn, Veilchen und Taubnessel sind auch hier zu finden. Nach reicher Ausbeute trank man noch den üblichen Kaffee (gerne auch Grüntee) auf dem Wohnzimmerboden und nach einem Zwischenstopp an der Tankstelle und Supermarkt, trafen wir am späten Vormittag Zuhause ein. Danach ist die Arbeit noch nicht zu Ende: Bambus muss geschält (eine unglaublich mühselige Arbeit) und danach einige Zeit mit Reismehl in Wasser gekocht werden. Nach etwa einer halben Stunde getaner Arbeit ist man definitiv bereit für ein Mittagessen. 
Den Nachmittag verbrachte ich mit Lesen und aufgrund des perfekten Sommerwetters mit einer einstündigen Joggingrunde. Zum Abendessen gab es dann die Früchte unserer Arbeit. Bambus-Misosuppe, und 2 weitere Gemüsesoren gesotten und gewürzt. Das Berggemüse ist leicht bitter, was ich persönlich aber mag. Ausserdem hat es auf einer Gesundheits-Skala von 1-10 eine 9. Schliesslich Bio, frisch und viele Nährstoffe. Ansonsten gab's natürlich noch Reis, Salat und heute noch frisches Sashimi. Ebenfalls sehr gesund und lecker. Glücklicherweise habe ich kein Problem damit, rohen Fisch zu essen. Welchen Fisch ich genau gegessen habe, weiss ich allerdings nicht. Häufig habe ich keine Ahnung was ich esse, und teilweise will ich es auch gar nicht wissen. 

Dienstag, 21. April 2015

Gambare!

Um das Bildungswesen sowie die Psychologie der Japaner zu beschreiben, reicht dieser Ausdruck vollkommen aus. Der Befehl "Gambare/Gambete" ist schwierig zu übersetzen: Ich höre ihn jeden Morgen beim Morgen Appell des Lehrers, wenn unser Rektor im Dojo auftaucht, wenn eine Prüfung ansteht, wenn das Wochenende vorbei ist...
Es  ist ihre Version von "viel Glück" kombiniert mit "gib alles, hab Erfolg und streng dich an". Von Schülern wird erwartet, dass sie immer 100% geben, vor allem im Kendo. Man beginnt und beendet das Training mit Worten des/der Meister, welche sich meistens ein bisschen wiederholen. Der Befehl "Gambare" fällt dabei mehrere Male. 
Da ich mich auch in der Abschlussklasse der Highschool befinde, verbringen viele Zeit damit, ihr Wunschstudium und Liebingsuniversität auszuwählen. Japaner arbeiten dabei unglaublich viel: Die meisten Arbeitstätigen Leute arbeiten in Büros oder Schulen. Nach der Arbeit geht man allerdings nicht gleich nach Hause, erst wenn der Chef gegangen ist und meistens geht man zusammen in eine Bar und hält ein "Nomi-Kai", was übersetzt eine Kurzversion (Japaner lieben das) von Alkohol-Meeting ist, bis in die späte Nacht. Von Erwachsenen so wie von Schülern wird also viel gefordert. Natürlich auch von mir, schliesslich sollte ich irgendwann mehr als nur einzelne Sätze im Unterricht verstehen. 
In Unterrichtslektionen wo ich gar nichts verstehe (Literatur, Biolgie..) setze ich mich mit meinen Japanisch-Büchern auseinander. Allerdings wird dies mit der Zeit etwas langweilig, weshalb ich je länger desto weniger gern die Schule gehe. Doch die Leute sind nett und Kendo mag ich sehr gern, auch wenn mein Trainer meine primitiven Sätze meistens nicht versteht. 
In der Schule "Finde die Unterschiede" zu spielen ist nicht schwierig: Im Eingangsbereich wechselt jeder die Schuhe, was wir in der Schweiz ja nicht zu tun pflegen. Ausserdem gibt es die berühmten Automaten für alle möglichen Teesorten und Getränke auch hier im Schulgebäude, genau wie an jeder Strassenecke. Zusätzlich gibt es eine Krankenschwester, falls man sich (im "Sportunterricht") mal verletzen sollte. Im Sportunterricht beginnt man immer zuerst mit einem Einwärmen, dass man in Reih und Glied zu absolvieren hat. Dies läuft ziemlich militärisch ab, schwitzen tut man jedoch trotzdem nicht. Auch wie bereits erwähnt, zieht man sich im Klassenzimmer um. 
Die Beziehung zu den Lehrern ist entgegen meiner Erwartungen ziemlich freundschaftlich: Auch wenn man sich immer mit Respekt begegnet, ist mein Klassenlehrer nicht sonderlich streng. Er dröhnt bei zu wenig Aufmerksamkeit gerne im Zimmer herum und lacht gleichzeitig mit anderen. Nachmittags, wenn die Schläfrigkeit zuschlägt, wird der Redefluss eines Lehrers häufiger durch die Worte "Aufwachen" unterbrochen. Viele schlafen auf den Bänken, ich muss zugeben, dass auch ich Ende des Unterrichts, meistens aber nur in der Pause, ein 10- Minuten Schläfchen einlege. 
Mein Schultag besteht aus 4 Lektionen am Morgen, danach folgt eine 45 Minütige Mittagspause. Dabei ist es Tradition, dass jede Mutter, welche früh aufsteht, ihrem Sprössling eine Lunchbox (Obento) zubereitet. Dies ist häufig eine Sache des Stolzes, jede Mutter will, dass ihr Kind frisches Essen und nicht Reste aus dem Kühlschrank zu essen hat. Die Konsequenz davon ist der Weckruf um 4 Uhr morgens.
Hierbei handelt es sich um mein tägliches Mittagessen: Reis, Früchte und Hauptgang, der aus mehreren Häppchen besteht.
 Am Nachmittag hat man 3 weitere Lektionen, eine anschliessende Putzaktion der Schule und einige abschliessende Worte des Klassenlehrers. Danach gehen allerdings nicht alle nach Hause: Die Clubs stehen schliesslich an. So verbringe ich 1,5-2h am Abend damit, mit Schreien auf meinen Lehrer einzuprügeln und dabei die Haltung nicht zu verlieren. Das Schreien ist notwendig, auch wenn man den Sauerstoff besser für den Schlag anstatt zum Schreien verwenden sollte. Auch wenn ich mich jeden Tag anstrenge: Gelegentlich treffe ich daneben, dann hat mein Lehrer einen neuen blauen Fleck am Ellenbogen. Treffen ist wahrlich eine Kunst. Es wird auch viel Wert auf Haltung gelegt. Nur nach 1h Training, wenn die Arme lahm werden, ist dies nicht mehr so möglich, egal wie oft man vom Lehrer erinnert wird. Nach halb 7 verdrücke ich mich meistens. In den letzten Tagen war es sonnig, weshalb ich dann auf dem Fahrrad durch die eindunkelnden Strassen Joetsu's nach Hause fahre. Vom Quietschen des Dynamos und Klappern meiner leeren Obento-box im Fahrradkorb begleitet, strample ich dann etwa 20 Minuten. Wenn dann die Müdigkeit durch meinen Körper strömt, während auf den Reisfeldern die Frösche quaken, habe auch ich meinen Tag absolviert und bin nach einem Abendessen, Bad und genug Schlaf bereit für den nächsten Tag. "Gambare!"

Samstag, 18. April 2015

Das kulturreiche Wochenende

In diesem Eintrag möchte ich über mein erlebnisreiches Wochenende berichten. Den Samstagmorgen verbrachte ich wie üblich mit Wäschewaschen und Staubsaugen. Ich wasche meine Wäsche einmal pro Woche, der Zustand meines Zimmers steht ebenfalls unter meiner Verantwortung. 
In Japan sind Samstage normale Arbeitstage, Privatschulen (wie meine) haben oft auch samstags Lektionen. Geschäfte entscheiden selbst über ihre Öffnungszeiten, sonntags einzukaufen ist selten ein Problem, da die meisten Leute nur dann frei haben. So fuhren mein Vater, meine Mutter und ich zu dritt ins Einkaufsviertel am Bahnhof, da ich das Bedürfnis nach einigen Einkäufen hatte (unter anderem Briefpapier und kleinere Mitbringsel). 
Nach einem schnelleren Mittagessen machte ich mich erneut auf den Weg in die Stadt. Im Dojo meiner Schule fand eine Eröffnugszeremonie statt, weil ebengenanntes erst neu gebaut worden war. 
Bis 3 Uhr nachmittags waren viele wichtige Leute eingetroffen, allesamt in Anzügen und Socken. Meine Mitschüler hatten den Vormittag über Unterricht, so dass alle ihre Schuluniform trugen. Der Kontrast der Uniform mit den farbigen Socken ist wirklich amüsant. Glücklicherweise trug ich ein Standardmässiges schwarzes Outfit, womit ich nicht allzu sehr auffiel. Blöderweise bin ich aufgrund meines nicht-japanischen Aussehens immer ein Exot.
Die Zeremonie begann pünktlich um 3, mit einer kurzen, ersten Ansprache unseres Prorektors(?), der die Schule in der Öffentlichkeit vertritt. Als nächstes trat ein Mann, ganz in weiss gekleidet nach vorne: Es handelte sich dabei um einen shintoistischen Priester, welcher das Dojo segnen sollte.  Das funktioniert in einer Art "Rap-Manier": Ein monotoner Gesang mit gesprochenen und sich wiederholenden Worten begleiten einige Gesten, wie Feuersteine aneinanderschlagen. Die Götter brauchen allerdings eine ganze Weile, bis sie auf Menschen aufmerksam werden: Die ganze Sache zog sich mindestens 20 Minuten hin.
Den Hauptteil der Zeremonie bildeten allerdings Reden, von allerlei wichtigen Menschen, die mit der Schule, Kendo oder Judo zutun haben. Danach präsentierten zuerst 2 Judo-Meister, danach 4 Leute unserer Kendo-Truppe eine Vorführung/Form. Bei  der Kendodemonstration wurden die von der Schule bereitgestellten Katana benutzt. Diese sind allerdings Fälschungen, deswegen aber immernoch einiges schwerer als ein Shinai. Bei der Demonstration folgt eine Bewegung nach der anderen, nichts darf vergessen werden. Bei den vorangehenden Proben achtete unser Meister streng auf die Haltung und Höhe der Schwerter. 
Natürlich bildete der Abschluss einige kurze Worte des Prorektors und eine Fotosession. Das Aufräumen wurde uns Mitgliedern des Kendo/Judo-Clubs überlassen und nach Wiederauftauchen eines Lehrers wurden auch wir entlassen.
Bei meiner Ankunft Zuhause waren meine Schwester bereits mit dem Abendessen beschäftigt: Selbstgemachte Gyoza (asiatische Teigklösschen) werden ähnlich wie Ravioli gemacht: Den Teig kann man kaufen, die Füllung wird selbsthergestellt und die Gyoza anschliessend von Hand geformt. Dies stellte sich als schwieriger heraus, als es aussieht. Ein rundes Stück in die linke Hand, den rechten Zeigefinger anfeuchten und den Rand des Teiges befeuchten. Wenn man die Füllung nun in die Mitte des Teig-Kreises plaziert hat, beginnt man mit zusammenfalten der Teigränder, eine einfache Sache, wenn man 3 Hände hätte. Doch der Teig reichte für 2 volle Teller von Gyoza, womit ich viel Übungsmaterial hatte.
Nach dem Abendessen wurde ich in die Kunst der Kalligraphie eingeführt, für die ich allerdings kein Talent zu haben scheine: Man kann die typisch-dicken Pinsel in Filzstiftform in jedem Konbini kaufen, benutzt sie allerdings selten im Alltag. Meine Schwestern versuchten mir einenhalb Stunden den Grundstrich beizubringen, doch leider entstanden anstatt der schönen Formen eher seltsame Bananen. Man hält den Pinsel/Stift mit Daumen und 1 oder 2 weiteren Fingern. Der Stift muss kerzengerade in der Luft stehen, auch während dem Malen darf er nicht kippen. Bei zu viel Druck und Bewegen des Handgelenks misslingt alles, man bewegt den ganzen Arm ganz locker. Meistens vergesse ich eines dieser Dinge, weshalb auch am Ende nicht viel Gescheites dabei entstand.  Allerdings fand ich heraus, dass es 2 Wörter für Kalligraphie gibt, man benutzt aber dieselben Kanji sie zu beschreiben. Das eine bezeichnet die Schreibkunst als Kunstform, bei der der Künstler seine persönliche Note in Form von vielen Schnörkeln hinzufügt. Das andere ist das blosse Schreiben, wobei der Leser die Kanji auch lesen können sollte.
So viel zu meinem Samstag mit japanischer Kultur. Am Sonntag präsentierte ich meiner Familie meine Kultur: Ich ass zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Asien ein Toast(allerdings ungeoastet) mit Butter und Honig. Wir haben Honig, Butter und Blaubeermarmelade im Haus, doch diese Lebensmittel werden selten zusammen mit Brot kombiniert. Am Vormittag war mein Vater arbeiten, die eine Schwester hatte "Club-Aktivität" (was für sie Brassband/BigBand mit Klarinettenspielen ist, ist für mich Kendo), die andere legte ihre praktische Fahrprüfung ab. Meine Mutter hatte mich vor einigen Wochen gebeten, einen typisch-aargauerischen Karottenkuchen zu machen. So fuhren wir zu zweit Einkaufen, um Zimt, Mandeln und Co. zu besorgen. Da wir anstatt eines Backofens eine  Fusion aus Mikrowellen-Toaster besitzen, stellte sich das ganze als Experiment heraus. Japan ist das Gegenstück zu Amerika im Grössenverhältnis: Eine neugekaufte Springform weist ungefähr die Hälfte des mir bekannten Durchmessers auf. Auch wenn ich die Rezeptmenge halbierte, entstanden am Schluss 2 Kuchen. Da 200 Grad in einem winzigen Ofen etwas viel ist, meldete meine Nase nach 2 Minuten einen leichten Brandgeruch. Glücklicherweise funktioniert auch mit diesem speziellen Gerät den Aluminiumfolientrick. Die Backzeit musste ich etwas anpassen, doch das Ergebnis begeisterte die ganze Familie. Ich denke, mein nächstes Experiment wird ein traditioneller Frühstückszopf, nebst Rösti, Älplermagronen und Co. Am Nachmittag bestaunte ich dafür die sonderbare Technikwelt: Wir fuhren in einen Telefonshop, ähnlich unseren Swisscomfilialen. In Japan gibt es ebenfalls 3 grosse Ketten für Tablet, Smartphone und Co. Doch während bei uns die "Klapphandys" schon lange nicht mehr gebräulich sind, sind sie hier häufiger zu sehen als Smartphones. Es gibt Telefone für Kinder, mit Alarmknopf und GPS und mir unbekannte Smartphonehersteller. Aussserdem die neusten Geräte, die ich in der Schweiz noch nicht gesehen habe. Allerdings sind mir die neusten technischen Modelle nicht geläufig. 
Nach der Ankunft Zuhause gab's eine Tee- und Kaffepause mit Kuchen, danach begab sich meine Mutter direkt in die Küche, schliesslich macht sich das Abendessen nicht von selbst und wir essen früh: Meistens nach halb 7. Unter der Woche gehören meine Schwester und ich zu den ersten: Wir essen nach der Schule, um halb 8-8. Meine Eltern erreichen ihr Zuhause frühstens um halb 9, das scheint für Lehrer normal zu sein. Wenn  es ein Alkohol-Meeting gibt, ist man vor 11 nicht Zuhause. 

Montag, 13. April 2015

In der Welt der japanischen Historik

Aufgrund meiner Interesse für Japan selbst, interessiere ich mich natürlich auch für dessen Historik. Da trifft es sich ganz gut, dass ich zusammen mit der anderen Austauschschülerin aus Texas privat Japanische Geschichte lerne. Dass ist allerdings noch nicht alles, was ich mir bezüglich japanischer Kultur zu Gemüte führe. In  jeder japanischen Schule sind Clubs unglaublich wichtig. Wenn die Schule für jedermann um halb 5 aus ist, (ja jeder hat zurselben Zeit Lektionen, Mittag und Pause) begeben sich die meisten Leute in ihre Clubs. Dabei wird zwischen Sport und kulturellen Clubs unterschieden. Der Hauptunterschied ist die Seriosität und Intensität. Während sich Sportclubs jeden Tag und auch am Wochenende treffen, ist Kochen und Co. nur einmal pro Woche.
Ich persönlich wollte unbedingt etwas Sportliches machen. So begleitete ich eine Klassenkameradin am 2. Schultag ins Kendotraining. Kendo ist die traditionelle Schwertkunst, die man aus mehr oder weniger historischen Filmen kennt. Unerlässlich ist allerdings die richtige Ausrüstung: Ein Doogi (2-teiliges Gewand, bestehend aus Hose und Oberteil), die "Rüstung" (bestehend aus Helm, Oberkörperpanzer und Handschuhen) und zuletzt das Shinai, ein Bambussschwert. Aus  Filmen wie KillBill und Co. kennt man natürlich das Katana, das gebogene unglaublich scharfe Schwert. Im Training verwenden wir allerdings Bambusschwerter. Katanas existieren natürlich heute noch, allerdings habe ich bei uns im Dojo (Trainingshalle) erst einmal Gefälschte zu Zeremonie-Zwecken gesehen.
Der erste Eindruck von Kendo ist die Lautstärke: Das Allerwichtigste ist der Kampfgeist, weswegen man bei jedem Angriff schreit man seinen Gegenüber an. Ein weiteres typisches Merkmal ist die Fortbewegung: Der rechte Fuss steht immer vor dem linken, Füsse parallel. Damitt man sich so Fortbewegen kann, hat man die linke Ferse immer einige Zentimeter über dem Boden und "humpelt" so durch die Gegend. Mittlerweile humpele ich immer: Durch die ungewohnten Bewegungen habe ich mittlerweile eine aufgeplatzte Blase am Fussballen und einen Schnitt an einem Zeh. Das liegt daran, dass man barfuss kämpft. Im kalten Dojo ist das nur bis zum gemeinsamen Aufwärmen etwas störend. Samurai heisst übersetzt "Diener". Sie waren die Leibgarde der Adligen und auf Leben und Tod diesen verpflichtet. Es gibt sehr viele kulturelle Dinge, die man beachten muss, doch dazu später mehr.
Bei meinem ersten Training konnte ich allerdings nur auf einer Decke vor einem Heater sitzen: Ich hatte leider keine Sportklamotten dabei.
Um möglichst viele Dinge anzusehen, begleitete ich einen Tag später einen Kollegen ins Judo. Diese ebenfalls japanische Sportart ist auf der ganzen Welt unglaublich populär, in Japan selbst nicht sonderlich. Diesmal konnte ich allerdings teilnehmen. Zu meinem Schreck bestand das Aufwärmen nebst Streching aus Sprungrollen, Handständen, Handstandüberschlägen usw. Jeder, der mich seit der Kindheit kennt, weiss, wie unglaublich schlecht darin bin. Auch sonst scheine ich keine Begabung fürs Judo zu haben. Die erste Lektion war das korrekte Fallen: Sich solange auf möglichst verschiedene Arten zu Boden werfen, bis es nicht mehr schmerzt, lautet das Prinzip.
Bei der nächsten Übung, jedemanden über die Schulter zu Boden zuwerfen, versagte ich allerdings komplett. Aussserdem ist das ganze eine schmerzhafte Erfahrung gewesen: Viele blaue Flecken begleiteten mich die nächsten Tage. Wirklich ein spannender Sport, aber nichts für mich. 
Einige Tage später nahm ich am Kendotraining teil. Es besteht aus Einwärmen, bei dem der "Anführer" bei jeder Übung auf 4 zählt und die Menge mit 5,6,7,8 antwortet. Die  Zahlen bis 8 sollte ich nun im Schlaf beherrschen. Danach reiht man sich in der Mitte des Dojo auf und steht den Meistern gegenüber. Man begibt sich auf die Knie (das linke Bein zuerst nach hinten, danach setzt man sich) und legt seine Ausrüstung in der korrekten Anordnung zu Boden. Es wird kurz meditiert und der Meister spricht einige unverständliche Worte. Das Wort "Gambaremashoo" fällt aber immer. "Gambare" bedeutet soviel vie alles geben, Erfolg haben und sich anstrengen. Es  ist die japanische Version von viel Glück. Wünsche, wie "Guten Appetit, gute Besserung und Gesundheit" existieren nicht, was ich ziemlich frustrierend finde. 
Nach dem Anlegen der Ausrüstung folgt 1h intensives Training. Ich erhalte seit meinem Eintritt in den Club Privatunterricht von unserem Lehrer, trainiere aber langsam häufiger mit anderen. Ich habe noch keine Panzerung, deshalb lerne ich zurzeit verschiedene Angriffsformen, die alle seltsame Namen haben und ich Mühe habe, sie zu merken. Am Ende und Anfang eines jeden Kampfes verbeugt man sich, allerdings in der richtigen Distanz und mit Augenkontakt. Wie bei Angriffen bewegt man sich auch bei diesen Höflichkeitsformen mit dem rechten Bein in Vorlage zuerst vor. Man kann sich vorstellen, wie es in meinem Hirn rattert, bei jedem vor- und Zurückweichen das richtige Bein zuerst zu bewegen. Bei Vortbewegung trägt man das Shinai an der Taille, bei stehenbleiben entweder gestreckt vor dem Körper oder lose an der Seite. Bei der Verbeugung ist das Kinn eingezogen, der Rücken gerade und den Blick im Kontakt mit dem Gegenüber. Mit Sicherheit vergesse ich immer Eines dieser Dinge.
Am Schluss trifft man sich nochmal in der Mitte des Dojo, es folgt eine Rede jedes Lehrers, der anwesend ist, dabei verbeugt man sich mehrmals in dessen Richtung. Nach Ablegen der Rüstung wird nochmals meditiert, danach verabschiedet man sich bei jedem Lehrer einzeln. Dabei reiht man sich auf den Knien sitzend vor diesem auf und verbeugt sich mehrmals unterwürfig. Jeder erhält eine Rückmeldung, die man dankend mit den richtigen Floskeln entgegen nimmt. Gestern lernte ich dabei das korrekte Verbeugen auf den Knien: Ellenbogen eingezogen und Nase zu Boden, das Ganze mit fliessender Eleganz. Das Zuschauen und Nachmachen funktioniert nicht immer, manchmal muss man eine korrekte Anweisung erhalten. Bei anschliessender Reinigung nuss ich mich meistens schnell verdrücken, da ich den letzten Bus nicht verpassen darf. Die letzten Tage regnete es, so begebe ich mich per Bus zur Schule, was ich mittlerweile ganz gut beherrsche. Ich bekomme zumindest keine Scweissausbrüche vor Nervosität mehr, was ich als Zeichen allmählicher Anpassung deute. Wenn ich bei der richtigen Haltestelle angelangt bin, ist es bereits sieben Uhr, ich werde in Zukunft jeden Tag um diese Zeit Zuhause ankommen. Das Training findet jeden Tag von 5- halb 7 und am Samstag von Halb 2- halb 5 statt, Langeweile wird vermutlich in nächster Zeit ein Fremdwort.
 Mein Doogi, das ich geliehen habe, ist das einzige schneeweisse -es korrekt zu binden liess mich mehrmals in ein Fettnäpfchen treten.
 Mein einiges Shinai: Ist für 20.- zu haben.
Das "Heft" (Händestopper) ist abnehmbar und lautet "Tsuba"




Sonntag, 12. April 2015

Welcome to Japan!

Den heutigen Nachmittag verbrachte ich in einem Restaurant ausserhalb von Joetsu. Für Oskar (der schwedische Austauschschüler) und mich wurde eine Welcome-Party gschmissen. Bei der Kleiderwahl wählte ich bewusst etwas eleganteres, ich hörte von Franka (der ehemaligen Austauschschülerin), dass sie und ihre Kollegin in einen Kimono gezwungen werden. 
Bei meiner Ankunft wurde ich zuerst einmal von einer Meute fremder Menschen überrumpelt. Glücklicherweise waren alle mit einem Business-Nametag versehen, welches auch mir um den Hals gelegt wurde. Zu meiner grossen Überraschung waren nebst den erwarteten Personen (Familie, Liasion-Person von Oskar und mir, Franka und deren Freundin) geschätzte 20 Leute mehr da. Das beinhaltete viele AFS-Mitarbeiter, sowie meinen Klassenlehrer und 2 Klassenkameradinen. Ich hatte mit beiden noch nicht viel zu tun, doch ihr Erscheinen freute mich sehr. 
Nach dem Eintreffen und Platzieren der Leute folgte eine kleine Ansprache von mehreren Personen. Der Organisator dieses Anlasses, mein Klassenlehrer, sowie meine Liasion-Person verloren einige Worte über mich. (Kleine Bemerkung am Rande: Eine Liasion-Person ist eine Kontaktperson für den Notfall, in Problemsituationen ist sie mein Anwalt sowie mein Psychiater.)
Diese Ansprachen liefen natürlich ordnungsgemäss japanisch: Mit viel Verbeugungen und Höflichkeitsfloskeln. Es ist gruselig, wenn man weiss, dass über einen gesprochen wird, man jedoch den Zusammenhang nicht versteht.
Anschliessend wurden wir Austauschschüler nacheinander mit unseren Angehörigen nach vorne gerufen und ich durfte wieder mein altgedientes Sprüchlein aufsagen. Meine Mutter handelte die Situation etwas besser und erzählte von unserem bisherigen Familienleben.
Schliesslich wurde ein Dessert aufgetragen und nach dessen Verzehr wurden Oskar und ich gebeten, von Tisch zu Tisch zu wandern, Fragen zu beantworten und Konversation zu betreiben. 
Den Abschluss bildete natürlich eine Fotosession, wo auch jeder Erwachsene auftaute und lächelte.
Ich bin sehr überrascht, wieviel Zuwendung wir Austauschschüler von der Organisation erhalten: Meine LP wollte mich unbedingt auf Facebook adden, um im April ein Treffen zu dritt (mit einem Sub-LP) über meinen psychologischen Zustand zu sprechen. Ebenfalls erstaunten mich die vielen fremden Leute, die offensichtlich alle von meiner Situation und Existenz bescheid wussten. Vermutlich kennen alle meine gesamte Akte, während ich gerade mal ihr Gesicht und Namensschild zu Gesicht bekommen habe. Dieses Phänomen geschieht häufiger: Meistens habe ich keine Ahnung über die Pläne und Absichten von Personen, Events etc. Man setzt mich am Abend vorher in Kenntniss: Das heisst, Ort, Uhrzeit und Transportmittel und schon geht's los. Häufig liegt das auch daran, dass SMS von der Organisation bei meiner Mutter allein eintreffen. Die Mitgliedschaft von AFS setzt keine Sprachkenntnisse voraus, so wählt man lieber einen sicheren Empfänger. Was ich allerdings weiss, ist, dass ich nächsten Donnerstagnachmittag frei habe: Ich werde vor der Schule von AFS aufgesammelt und mit einigen anderen Leuten aus meinem Chapter(AFS-Austauschschüler in der Nähe) in den Takada-Park verfrachtet, wo wir hoffentlich ein wunderschönes Hanami geniessen können.
Meine jüngere Schwester und ich (Ja, das Peace-Zeichen ist hier noch in)

Samstag, 11. April 2015

O-Hanami

Am Donnerstag ging ich ausnahmsweise früh nach Hause, ohne einen Club besucht zu haben. Meine ältere Gastschwester erwartete mich und wir liefen zusammen in den Takadapark. Seit den letzten 2 Wochen findet dort das Sakura-Festival statt, Joetsu ist eine beliebte Destination, auch für Touristen. Beim Stichwort (O)-Hanami handelt es sich um die Blütenschau. Tagsüber setzt man sich auf blaue Plastikdecken, trinkt Sake, isst Lunch und erfreut sich an den üppig blühenden Kirschbäumen. Im Takadapark ist Sakura die Hauptvegetations-Art. Dementsprechend leuchtet alles in den Farben rosa und weiss. Am Abend werden die Bäume mit Scheinwerfern angeleuchtet: Das Enlightening ist ein weiterer Höhepunkt des Festivals. Man läuft auf der "Sakura-Road" entlang und schiesst Fotos, so auch ich. Auf den Wegen des Parks sind sogenannte "Demise" aufgebaut: Essensstände mit beliebten und lokalen Speisen. Es ist alles erhältlich: Von Takoyaki(Frittierte Gemüsebällchen mit Tintenfischstückchen) bis zu Sakura-Daifkus. Die Luft ist erfüllt vom Geruch von Grillfleisch, Öl und Zuckerwatte, ähnlich eines Jahrmarktes. Es hat wahnsinnig viele Leute und jeder spaziert gemütlich vor sich hin und geniesst Atmosphäre und Natur.  So wanderten Moeko und ich über das Gelände und schossen Fotos. Hanami ist etwas einzigartig japanisches: Die Blüten blühen nur einmal im Jahr, es steht für Frühlingsanfang und gleichzeitig für Neuanfang.
Das Eindunkeln geschieht hier um circa viertel nach 5.

Bei Sakurabäumen gibt es nicht nur eine Art: Meine Lieblingsart ist die Trauerweide-Variante.
An den Demise ist neben japanischem Essen auch chinesisches und sogar Döner zu finden.
Das berühmte Takada-castle mit seinen Sakurabäumen und Strassenlaternen.







Mittwoch, 8. April 2015

Blinde unter Einäugigen-Einäugige unter Blinden

Ich habe nun 2 Tage Schule hinter mir. Hier ist alles anders, von A-Z. Bei jedem Stundenbeginn und Schluss erhebt man sich. Offiziell bin ich hier Nummer 37, im 3. Jahr, in der 1. Klasse (höchstes Niveau soll das heissen). Mein Locker im Eingangsbereich für die Schuhe hat demnach die Nummer 3137. Bei Betreten eines öffentlichen Gebäudes werden fast immer die Schuhe ausgezogen, die man im Eingangsbereich verstauen kann. Unterricht findet praktisch immer im "Homeroom" statt: Ich habe einen zugewiesenen Platz, mit Tischplatte der Grösse von etwas mehr als 2 A4-Blättern. Die allererste Stunde war eine Ausnahme: Jeder sollte für sich gewisse Seiten in einem "Englisch"-Buch studieren, da in der 4. Stunde einen Test stattfindet. Mir wurde ein Buch gereicht und Seitenzahlen zum Studieren mittgeteilt. Japaner sind keine Freunde der Worte, eher von Taten. Mein Klassenlehrer(Englischlehrer) zumindest. Nach einer Stunde nutzlosen Herumsitzens und Herumblätterns fühlte ich mich ziemlich verloren. Glücklicherweise tauchte danach mein Lichtblick auf: Pamela-sensei, eine Amerikanerin, die hier Englisch unterrichtet. Sie spricht ziemlich perfekt Japanisch, was zwingend ist, da Englischunterricht auf Japanisch läuft. Während einer Einführung über das letzte 3. Jahr und zukünftige Studiengänge in der Turnhalle stand sie mir als Dolmetscherin und allgemeinen Wissensquelle zur Hilfe. Nach 2h auf dem Bodenherumsitzen fühlte ich mich etwas wohler, dafür hatten meine Fingernägel eine interessante blaue Farbe. Die nächste Stunde konnte ich leider nicht identifizieren, da der Lehrer eine ganze Stunde damit verwendete, uns einen Steckbrief über uns ausfüllen zu lassen. Es folgte als Letztes der Englisch-test, der daraus bestand, in einem Beispielsatz das korrekte fehlende Wort aus einer Auswahl von 4 zu treffen. 4 Seiten lang.
Das Mittagessen wird im Homeroom eingenommen, praktisch jeder Schüler hat ein Obento: Ein Lunchpacket in Dosen verteilt (Reis, Hauptgericht) mit Stäbchen und eine wohltuende Teetermoskanne. Dies ist die Pflicht einer jeder japanischen Mutter. Ich bin froh, dass es unter den scheuen Japaner einige offene Menschen gibt, die mich von Anfang an mehr oder weniger bei sich mitlaufen lassen. So setzt man sich im Homeroom zusammen und isst, bis die nächste Stunde anfängt. Den Nachmittag (3h) verbrachte ich mit Selbststudium, da Moderne Japanische Literatur etwas gewagt wäre, die letzte Stunde hörte ich doch einer Lehrerin zu, die etwas über Sinneswahrnehmung erzählte. Es handelte sich um Biologie und ich bin nun vorübergehende Hüterin eines Biologiebuches, das wunderbar mysteriöse und spannende Zeichen enthält. Um 10 nach 4 ist Schulschluss für alle, danach putzt man 20 Minuten den Homeroom und danach ist jeder auf sich gestellt. Die meisten haben ihre Club-Aktivität, eine unglaublich wichtige kulturelle Angelegenheit. Ich habe mich einer Klassenkameradin (eher der Einzelgängertyp) angeschlossen, die mich ins Kendo mitnahm. Kendo ist die alte Schwertkunst der Samurai. Da ich keine Sportkleidung dabei hatte, sass ich vor einem wunderbaren Heizstrahler auf dem Boden des eiskalten Dojos und schaute zu. Teiweise erzählte mir ein Lehrer, welcher mir am Mittwoch privat Japanisch unterrichtet, etwas über das Kendo. Über die kulturellen Dinge werde ich vermutlich einen extra Blogeintrag schreiben müssen.
Sportclubs trainieren jeden Tag und zwar lange. Ich allerdings verkrümelte mich um 6, da ich nicht wusste, ob später noch ein Bus fährt.
Damit war mein Tag allerdings noch nicht zu Ende, da ich mich erneut einer Odyssee stellen musste. Auf dem Weg zur Schule mit dem Bus (es regnete) war ich blöderweise in den falschen gestiegen. Mithilfe eines unheimlich netten Busfahrers teilte man mir mit, ich sollte bei der nächsten Haltestelle umsteigen. Auf dem Rückweg war ich wieder schrecklich nervös, dass mir wieder ein Missgeschick geschehen würde: Es ist zwar nicht gefährlich, doch unglaublich angsteinflössend, am falschen Ort nachts bei Regen zu landen. Nun, ich bin nicht in den falschen Bus eingestiegen, dafür einige Stationen zu früh. Da ich glücklicherweise beim Einsteigen den Busfahrer über meine Destination in Kenntnis gesetzt habe, rief er mich nach einigen Schritten in den Bus zurück. Ich möchte hierbei ein
Appell des Dankes an japanische Busfahrer aussprechen: Ohne sie wäre ich weder rechtzeitig in der Schule, noch heimgekommen.
Mittwoch lief mein ÖV-Abenteuer besser: Ich nahm einen Bus früher und schaffte es ohne Zwischenfälle in die Schule. Die erste Stunde war diesmal englische Kultur, wo man Texte über Wasserknappheit liest, aber keine Frage des Lehrers beantworten kann. Als nächstes folte "Sportunterricht". Man begibt sich wieder in die Turnhallte und reiht sich in Reih und Glied auf. Danach wird ein bisschen gedehnt. Dann wechselten wir Frauen ins Dojo, wo auch Kendo stattfindet. Dort wurde ein bisschen herumgestanden, bis wir noch ein bisschen dehnten und die Lehrerin aber hauptsächlich nur redete. Ist es normal, dass man nach Sport noch kälter hat als vorher? Duschen ist nie nötig: Man zieht sich (alle zusammen) im Homeroom um, wo man das T-shirt bereits unter Bluse trägt und nur die Hose unter den Rock ziehen muss und anschliessend den Rock aus. Damit keine Peinlichkeiten passieren, lautet das Prinzip zuschauen und nachmachen. Danach folgte eine weitere Stunde Englisch, allerdings bei anderen Lehrern (Pamela-sensei und noch einem, der Englisch wie von einem Tonband spricht).  Pamela und ich amüsierten uns prächtig, während sich die Klasse einen Text über die Umweltprobleme von Plastikregeneschirmen einverleibte. Immerhin wurde diesmal mehr auf Englisch als Japanisch unterrichtet.
Danach folgte eine Stunde Privatunterricht mit Emma, der anderen Austauschschülerin über japanische Geschichte. Google-Translator war ein wichtiges Hilfsmittel, aber es war furchtbar spannend. Nach dem Mittagessen folgte eine Stunde Mathematik, wo Polynome gezeichnet wurden, was für mich sogar Repetition war. Ich habe alle Schritte ausser einem verstanden(allerdings nicht sprachlich), was für ein Erfolg. Die letzten 2 Stunden wurden alle Clubaktivitäten für 1. Klässler vorgestellt, ich wollte trotzdem zuhören und verbrachte die Zeit zitternd auf dem Boden. An unserer Schule gibt es kulturelle Aktivitäten wie Shogi, Kalligraphie, Kochen, Malen etc. und Sport: Dazu gehört Basketball, Fussball, Kendo, Judo und noch andere. Heute folgte ich einem Kollegen aus der Klasse ins Judo-Dojo. Auch dies war ausserordentlich spannend und da ich Sportklamotten dabei hatte, wollte ich naürlich unbedingt mitmachen. Nach einem Aufwärmen, bei dem man Handstandüberschläge und andere tolle Dinge machen kann, war ich ein klein wenig frustriert. Immerhin tauchte danach ein Lehrer auf, der mich wenig unter die Fittiche nahm. Allerdings scheine ich keine Begabung fürs Judo zuhaben, das sagen mir meine blauen Flecken und meine schmerzende Hand. Interessant war es trotzdem und ich stehe nun vor der Qual der Wahl.
Bis jetzt fühle ich mich noch ziemlich fremd, aber in der eigenen Klasse ist's okay. Ich habe heute allerdings den Fehler gemacht, die Haare im Pferdeschwanz, anstatt Dutt zu tragen. So hatte ich jede Pause erneut irgendeine Hand in den Haaren. Meine Klasse ist freundlich, aber teilweise etwas "ruppig" häufig sagen sie etwas zu mir, dass ich nicht verstehe. Ich weiss bis jetzt nicht, ob aus Unfähigkeit meiner oder ihrerseits. Morgen ist vermutlich normaler Unterricht, ich allerdings bin schon jetzt Fan von Englisch oder Mathestunden. Auf meinem Stundenplan stehen allerdings noch Wirtschaft, japanische Geschichte und alte Literatur. Ich werde allerdings viel Zeit mit Selbststudium oder mit Emma und ihrem Klassenlehrer bei Privatunterricht in der Bibliothek verbringen. Auch steht die Wahl einer Clubaktivität noch aus.

Sonntag, 5. April 2015

Der erste Schultag

Welches Stichwort trifft meine Schule am Besten? -Korrekt und seriös, würde ich sagen. Nach einem Frühstück mit meinen Gasteltern warf ich mich in meine Schuluniform. Sogar die Krawatte sass. Nach einer 10-minütigen Autofahrt (es regnete) wurde ich in der Schule von meinem Klassenlehrer Sugai-sensei empfangen. Ich verstaute meine Loafers im Locker 3137. Diese Zahl ist logisch aufgebaut: Ich befinde mich im 3. Jahr, 1. Klasse und trage die Nummer 37. Ich war ziemlich nervös und wurde zuallererst ins Principal Büro geschoben. Dort durfte ich in dem riesigen Büro in einem ebenso riesigen Sessel warten. Ein weiterer Mann tauchte auf und die drei Herren diskutierten allerlei Dinge über mich in der anderen Ecke des Büros. Mir war währenddessen eine Zeitung gereicht worden, die ich mit zitternden Händen durchblätterte. Ausser dem Wetterbericht konnte ich ihr allerdings keine Informationen entnehmen. 
Der nächste Stopp war im Lehrerzimmer. Auf die Sekunde um 8.25 erhoben sich alle Lehrer von ihren Stühlen und standen an die Wand. Es folgte eine Begrüssung des Principals, eine Verbeugung allerseits und danach stellten sich alle Lehrer vor. Zu allerletzt auch ich. 
Nun folgte der Homeroom, wo meine zukünftige Klasse sich aufhielt. In Japan werden die Zimmer nicht gewechselt, sondern die Lehrer haben das Vergnügen, durch die Gänge zu schlurfen. Ja, alle Japaner, Männer, Frauen, Kinder, Erwachsene heben ihre Fersen nicht gern vom Boden. Auch im Anzug nicht. Mein Klassenlehrer rief die Klasse zusammen, meine Klasse kann eine ziemlich hohe Dezibelzahl erreichen. Um dem entgegen zu wirken, stimmte mein Klassenlehrer eine Rede mit noch höherer Dezibelzahl an und liess alle Schüler aufstehen. Wieder wurde ich gebeten, nach vorne zu treten und mich vorzustellen. Einige Blätter wurden ausgeteilt (einschliesslich meines Stundenplans, von dem ich allerdings später eine Übersetzung brauchte), und man begab sich anschliessend in die Aula. Auf dem Weg dorthin wurde ich von unzähligen mandelförmigen Augen bestaunt, während ich meinem Lehrer hinterherdackelte. Das kann ich mittlerweile schon ziemlich gut. Um Viertel vor 9 hatten sich alle Schüler der Schule in perfekten Kolonnen in der Turnhalle vor einer grossen Bühne (mit Vorhang!) versammelt und der Prorektor begab sich ans Mikrophon. Als erstes wurden 4 neue Lehrer vorgestellt, sie durften nach vorn auf die Bühne, wo man sich zuallererst nach dem Treppchen zum Podium hin verbeugt. Es folgten weitere Reden, von denen ich kein Wort ausser "Guten Morgen" und "sehr erfreut" verstand. Danach durfte auch ich mein Sprüchen aufsagen, ich hatte dafür extra eine kleine Rede vorbereitet (müssen) und sie von meiner Gasteltern korrigieren lassen. Meine Rede in meinen zitternden Händen stellte ich mich vor. Ich verhaspelte mich sogar nur einmal. Danach durfte auch ich mich in die Kolonnen der Schüler, die mittlerweile am Boden sassen (mh sehr japanisch), begeben. Es folgten weitere 45 Minuten von Reden, während meine Beine einschliefen und meine Hände eine ungesund blaue Farbe annahmen, passend zur Temperatur in der Aula. Auf dem Weg zurück in den Homeroom nahmen mich einige Mädchen mit, die ununterbrochen Fragen stellten und auf meine Antworten mit "KAWAII!" antworteten. Japanerinnen finden alles kawaii, von meinen Hobbies, bis zu meinem angeblich kleinen Gesicht. Das war das erste, das ich von meinen Mitschülerinnen gehört habe. 
Nach kurzem Aufenthalt im Homeroom, wo mir eine amerikanische Englischlehrerin beistand, ging's zur Cleaning Session. Japanische Schulen verfügen über kein Putzpersonal, dafür gibt es Schüler. Zum Abschluss meines Morgens wurde ich erneut ins Lehrerzimmer versetzt, wo mir mein Englischlehrer meine Fächer erklärte, das Wörterbuch war dabei ein wichtiges Hilfmittel seinerseits. Ich meine, wieso sollte man als Englischlehrer das Wort "Medicine" können?
Als Fremdsprache gibt es hier nur Englisch, dafür in mehreren Ausführungen: Conversation, Grammar und Culture studies. Wenn es 3 verschiedene Schulfächer gibt, ist es mir ein Rätsel, warum die meisten Leute Probleme haben, einfache Sätze von sich zu geben. Ich glaube mein Englisch muss hier wahrlich unter die Top 10 gehören, dabei finde ich es durchschnittlich. 
Eine weitere Top Kandidatin traf ich ebenfalls im Lehrerzimmer: Eine Rotary-Austauschschülerin namens Emma, die mich unbedingt treffen wollte. Ihre Herkunft aus Texas hört man ihrem Englisch nicht an, dafür ihrem Japanisch. Wir werden in Zukunft wohl viel Zeit miteinander verbringen, da sie seit August hier ist und mir Japanisch beibringen soll. In allen Stunden, die "altes Japanisch" oder "modern literature" betreffen, werden wir freigestellt. An den Samstagen bin ich überigens auch nicht schulpflichtig, worüber ich sehr froh bin. Die Lektionen seien langweilig, Emma zufolge. Sie ist schon seit mehreren Monaten hier und versteht im Unterricht noch kein Wort. Das kann ich mir gut vorstellen, biologische und chemische Begriffe gehören nicht unbedingt zu den ersten Wörtern, die man lernt. Mein Stundenplan gleicht meinem Zuhause ein wenig: Ich werde Mathematik, Englisch, Politik, Turnunterricht und Geschichte besuchen, auch wenn es sich um japanische Geschichte handelt. Es gibt auch 2 Profile, die man wählen muss: Während sich einige mit alter Literatur beschäftigen, lernen andere etwas über höhrere Mathematik. Während diesen Stunden bin ich dazu aufgefordert, in der Bibliothek mit Emma zu lernen.
Nach diesem Treffen wurde ich von meinem Lehrer verabschiedet und ich traf mich mit meinem Gastvater am Bahnhof Takada-station. Des Regens sei dank wurde ich mit dem Auto nach Hause gefahren, wo mein wohlverdientes Mittagessen auf mich wartete.

Der Kawaii-faktor

Heute ist ein idealer Moment um zu erläutern, was ich letztens mit dem Wort "Kawaii-faktor" gemeint habe. Kawaii ist japanisch und bedeutet süss/herzig. Es lässt sich für fast alles, das einem in Japan gefällt verwenden. Auf Lebensmittelverpackungen, TV-Werbungen, bei Haushaltsgegenständen: Nirgends ist man vor knuffig gezeichneten Comicfiguren sicher. Japan hat eine riesen Reihe von bekannten Charakteren: Hello Kitty wird jeder auch bei uns kennen. Doch Hello Kitty ist nur die Spitze des Eisbergs: Wir besitzen Hellokitty-Essstäbchen, Rilakkuma(Noch eine Figur) und Winnie the Pooh-Teller. Das Tokio Disneyland ist eine beliebte Ausflugsdestination. Japan liebt seine niedliche, pastelfarbene und schrille Welt. Das gehört zur Kultur und macht selbst nicht vor der Erwachsenenwelt Halt. Wo in Europa Kinder im Alter von 10 Jahren keinen Teddy-Teller mehr benutzen wollen, finden die meisten Erwachsenen nichts dabei, solche Gegenstände in den Haushalt aufzunehmen. Allerdings geben nur Teenager Laute (Kawaiii!!) in absurdhoher Frequenz von sich, meistens auch eher weibliche. In unserem Haushalt sind doch in der Elektronik einige Teenager versteckt: Eine betont sexy-süss Stimme begleitet einen beim Autofahren und erinnert die Familie im Wohnzimmer abends daran, dass nun das Badewasser ausreichend aufgeheizt ist. Unsere Waschmaschine gibt auch Töne von sich, doch leider keine Menschenähnlichen: Jeden Morgen um 5 reissen mich schrille Töne einer Melodie aus dem Schlaf. Auch in der Öffentlichkeit ist es nie still: Am Bahnhof ist ständig ein monotones Klingeln zu hören, dessen Sinn ich bis jetzt noch nicht erkannt habe. Natürlich läuft überall Musik und Putzmaschinen verbreiten die Melodie eines Amerikanischen Eiswagens. Man kann sich darüber freuen (einheimische Teenager), es ignorieren (einheimische Erwachsene), sich daran gewöhnen oder daran nerven (die meisten Ausländer) oder es gruselig finden (ich).
Wo ich allerdings heute ein riesen Gaudi hatte, war im riesigen Departementstore, ausserhalb von Jotesu. Eine ehemalige AFS-Austauschschülerin aus Deutschland kehrte für 2 Wochen nach Joetsu zurück und hörte von meiner Anwesenheit. Dabei wurde schnell ein Treffen organisiert, das meine Gastschwester, Franka (die Austauschschülerin), ihre Kollegin, eine AFS-Volunteer und mich beinhaltete. Wir trafen uns am Bahnhof und fuhren zusammen in den Depaaa-tooo, um den "Japanischen"-Ausdruck dafür zu verwenden: Praktisch alle neuen Wörter, wie beispielsweise Elektronikartikel, tragen ihren Originalnamen, allerdings mit der (eherschwachen) japanischen-Aussprache. Japaner können weder ein "-th" aussprechen, noch L und R voneinander unterscheiden. So habe ich bei meiner Ankunft den Namen Rooora-chan erhalten. Das -chan ist eine Anrede, die man Mädchen und kleinen Kindern gibt. (Noch so ein Kawaiifaktor). Der erste Teil meine Namens ist mein wirklicher Name, nur japanisch-englisch ausgesprochen.
Zurück zum Thema: Im Departementstore gibt es allerlei Krimskrams, Kleidung, Essen und einen Gamecorner. Unser erster Zwischenhalt war in einem Allerleiladen, wo es hauptsächlich Kleingegenstände mit niedlichem Design gibt. Das geht von Plüschtieren bis Briefpapier mit Hellokitty. Rein weisses Papier ist nicht erhältlich. Nach einem Sightseeing durch den Store begaben wir uns zu unserem eigentlichen Ziel: Den Gamecorner, genauer gesagt, die Purikura-Ecke. Was sich wie eine Modekette oder ähnliches anhört, ist ein fester Bestandteil der japanischen Kultur und eine Freizeitbeschäftigung unter weiblichen Teenagern. Einfach gesagt sind es Automatenfotos, die sich verzieren lassen und überall unter Freunden geteilt werden. So einfach ist es allerdings doch nicht. Vor dem Betreten einer Kabine lässt man schnell 400 Yen in den Münzschlitz und widmet sich dem 1. Bildschirm: Das Design der Karte am Ende und des Hintergrundes muss gewählt werden. Dabei hat man 30 Designs zur Auswahl und 90 Sekunden Zeit. Danach werden in der Kabine Fotos geschossen, wo man nach jedem Foto 5 Sekunden Zeit hat, die Position zu wechseln. Ihr seht, worauf ich hinauswill: Das Ganze gestaltet sich als ziemlich stressig, wenn man ständig eine Zeitlimite hat und nicht genau versteht, was man zu tun hat. Nach dem Foto-Schiessen kann man seine Fotos mit Stickers, Photoshop und Auschrift verzieren. Dabei werden die Augen zur Unkenntlichkeit verzerrt/vergrössert, die Lippen rotangemalt, Rouge aufgetragen und den Rest des Gesichtes gerne weiss-verschwommen geebnet. Japanische Schönheitsideale lassen sich mit karikaturierten Geishas vergleichen. Danach kann man einen Fotobogen ausdrucken und ist endlich fertig. Nach 5 Purikura-Sessions trennten sich unsere Wege schon. Man begab sich zurück zum Auto und nach Hause.
Fazit: Das Purikura ist ein Must-do in Japan, und in toller Gesellschaft unheimlich witzig. Das heutige Japan lässt sich in den Stichworten Kawaii gut beschreiben und auch ich als nicht-rosa-Liebhaber finde Gefallen daran. Kein guter Stressabbau, aber ein aufregender und spassiger Ferienabschluss.

Freitag, 3. April 2015

Kleider machen Leute

Meinen wunderbar sonnigen Samstagmorgen verbrachte ich damit, eine Krawatte zu binden. Meine kleine Gastschwester übte mit mir geduldig den gängigsten Krawatten-Knopf. (Ich entschuldige mich für mein Deutsch, irgendwie scheinen mir gelegentlich Wörter abhanden zu kommen). Wenn man das System erstmals durchschaut hat ist es ganz einfach. Meine Schuluniform besteht aus einer weissen Bluse, einem schwarzen Blazer, einer schwarzen Krawatte mit rosa/blauen Streifen, einem schwarzen Rock und schwarzen Kniestrümpfen. Dazu kommen die Schuhe. Man benötigt dafür 2 Paar: Eines ausserhalb der Schule und das andere für innerhalb und den Sportunterricht. Da ich mir einige Utensilien noch zulegen musste, begaben sich meine Mutter, kleine Schwester und ich in die riesigen Departement-stores ausserhalb von Joetsu. Ich bin nun im Besitz eines weitern Paar Schuhe (weiss, nach Schulregelung), einem schwarz-rosa Trainingsanzug und einem weissen T-shirt. (Ebenfalls nach Schulregel). Die Sportbekleidung ist hier in einem riesigen Laden zu haben, der einem "Decathlon" in Frankreich aufs Haar gleicht. Bis auf ein kleines Detail, das ich missachtet habe: Wenn man die Umkleidekabine betritt, sollte man darauf achten, sich die Schuhe auszuziehen. Der Boden der Kabine ist erhöht und aus Holz. Natürlich bin ich gleich ohne darauf zu achten hineingetreten, bis mich die erschrockenen Rufe meiner Begleitung sogleich wieder herausspringen liess.
Die Grössen hier funktionieren ziemlich ähnlich: S, M, L und 0. Nein, Size 0 ist nicht die Amerikanische Magergrösse sondern unser XL.
Meine Uniform ist bis auf die typisch japanischen Kniestrümpfe nun komplett. Ich werde sobald als möglich ein Foto davon machen. Es ist ziemlich ungewohnt und eine heikle Sache (Geschirr abwaschen), eine Krawatte zu tragen. Ausserdem haben alle Highschool-girls den Kawaiifaktor. Ob er von den schwarzen Haaren und weitaufgerissenen Augen stammt, weiss ich nicht. Auf jeden Fall fühlt sich bei mir eine Uniform ziemlich fremd an und die Kombination aus zusammengebundenen Haaren und schwarzer Brille hat einen etwas zu biederen (seriösen?) Effekt.
Meine Schule ist eine Privatschule. Deshalb scheinen Regeln noch etwas strenger zu gelten. (Beispielsweise sind Smartphones nicht erlaubt, was trotzdem niemanden daran hindert, seines bei sich zu tragen.) So sind Makeup, Acessoires, Schmuck und Co. tabu. Ich werde dann am ersten Schultag herausfinden, wie streng diese Regel gehandhabt wird. Ich würde nur ungern mit zugewachsenen Ohrlöchern zurückkommen und jeden Abend die Stecker wieder zu montieren, ist mir zu anstrengend.
Jedes Schulmitglied ist auch dazu verpflichtet seine Fingernägel und vorallem Haare im Originalfarbton zu tragen. Das werde ich auch tun, und so als blondes Schaf der Schule herumtrotten. Einer meiner ersten Momente in der Schule wird sich eher als Kaninchen vor der Schlange herausstellen, da ich von meinem Klassenlehrer dazu aufgefordert worden bin, eine Rede vor der ganzen Schule zu halten.


Donnerstag, 2. April 2015

Home sweet home

Während in der Schweiz ein Orkan tobt, hatte ich die letzten Tage Sonne.  (Sogar am Wochenende soll's nicht regnen). Ich befinde mich nun seit 2 Wochen hier, was die Länge eines Urlaubes beträgt. Nächste Woche fängt die Schule an, meine Ferien gehen zu Ende und mein Leben als Student beginnt nun richtig. Nach 2 Wochen Urlaub freut man sich doch auch wieder auf sein Zuhause, so auch ich.  Wenn es morgens dunkle Wolken am Himmel hat, verspürte auch ich ein klein wenig Sehnsucht nach meiner Familie und Umgebung in der Schweiz. Der Gedanke, für 5 Monate nicht nach Hause zu können und die Distanz auf der Weltkarte zu betrachten, kann ziemlich furchteinflössend sein. Was hilft da am besten? Jedem Austauschschüler kann ich nur das naheliegendste raten: Sprache lernen, damit man sich besser ausdrücken kann, eine Tasse Tee und Schokolade und am Nachmittag ein Spaziergang an der frischen Luft. Wenn ich die unglaublich schöne Umgebung Joetsu's betrachte, fühle ich mich immer viel besser. Man kann dann die Zeit, die man hier verbringen kann, viel mehr schätzen. Ablenkung ist das beste Mittel und sein Handy sollte man dabei unbedingt ausgeschaltet lassen. Die Lösung heisst, sich anpassen und Zuhause fühlen, nicht ins alte Terrain flüchten.


Dies sind einige Impressionen aus meiner Stadt. In meinem Viertel gibt es einen Schrein, wo bereits viele Sakura blühen. Ausserdem fliessen mehrere Bäche und Flüsse durch die Stadt. Als Hightlight der Sehenswürdigkeiten gibt es den Takada-Park mit dem Takada-Castle. Das Castle ist auf alten Ruinen und so als Denkmal aufgebaut, soviel ich verstanden habe. Des weiteren findet während den nächten Wochen dort das Hanami (Sakuraschauen) Festival statt. Joetsu soll unter die Top 3, der Blütenschauplätze gehören!