Kanji sind aus verschiedenen Dingen (schlussendlich einzelnen Strichen) aufgebaut. Radikale ist hier ein wichtiges Wort. Der Tag (日) taucht in ganz vielen anderen Kanji auf und wird deshalb als ein Radikal bezeichnet. Komplizierte Kanji kann man sich durch die einzelnen Komponenten viel besser merken.
Wenn man mit den Basics anfängt und auf kompliziertere Exemplare stösst, kann man sich kaum vorstellen, wie man dieses Zeichen schreibt. Man kann meist nicht anders, als ein Kanji mit "Ein Strich mit Dreiecken, einer Box und viel Geschnörkel" zu beschreiben. Beispiel mein Wohnort Joetsu: 上越市. Sobald man sich allerdings mehr mit diesen Fliegenschiss-ähnlichen Gebilden beschäftigt, ergeben sie perfekt Sinn. Ein weiteres wichtiges Stichwort ist die Strichreihenfolge: Jeder schreibt Kanji in der selben Strichreihenfolge. So durchschaut man das Muster und wenn jemand eine wirkliche Sauklaue besitzt (mein Wirtschaftslehrer), kann man nachvollziehen, wie das Zeichen geschrieben wurde. Unglaublich aber wahr: Wenn die Reihenfolge völlig falsch ist, kann man das Zeichen nicht lesen. Deshalb ist Strichreihenfolge auch eine Aufgabe in den Tests. Mein heutiger Test lautet "漢字試験". Das heisst wörtlich Kanji-Test. Er gilt national und kann nur in Japan geschrieben werden, so viel ich weiss. Es gibt 10 Level, von denen das erste und zweite allerdings in zwei weitere Levels unterteilt ist. Ich mutete mir nach 3 Monaten Kanjistudium das 9. Level zu. Ein Japaner lernt diese 300 Zeichen bis zur 2. Klasse Primarschule.
Die Aufgaben in meinem Level bestanden aus den Basics wie Strichreihenfolge, Antonyme finden, ein Radikal zu vervollständigen und in einem Text die Aussprache hinzuschreiben. Je weiter man vortschreitet, desto mehr Aufgaben werden gestellt. In einem höheren Level gesellen sich beispielsweise Ortsnamen dazu. Da bleibt dem Prüfling nichts übrig, als im Voraus die Kanji für Orte auswendig zu lernen: Die gelernten Regeln treten häufig ausser Kraft und das Wort wird komplett anders ausgesprochen als erwartet.
Eine Herausforderung auch für Japaner sind Namen von Personen: Eltern können bei der Geburt des Kindes irgendwelche 2 oder auch nur 1 Kanji für den Namen verwerden. Folglich hat jeder Name eine Bedeutung: Tanaka heisst beispielsweise "Inmitten des Reisfeldes" (田中)oder Yamamoto "der Ursprung des Berges"(山本). So hat jeder Name eine Bedeutung, und die Aussprache wird denn Eltern zur Entscheidung überlassen. Die Namen der Schüler zu lernen ist eine weitere Herausforderung für Lehrer, die viel Erfahrung erfordert. Man kann leicht in Fettnäpfchen treten, wenn man den Namen falsch ausspricht.
Nicht die Aussprache ergibt das Wort, sondern die Bedeutung der Kanji. Es gibt viele Wörter, die gleich ausgesprochen werden, allerdings etwas komplett anderes bedeuten. Das liegt an den verschiedenen Kanji, die benutzt werden. So kann ich beispielsweise auch den Inhalt einzelner Plakate verstehen, da ich die Bedeutung der Zeichen kenne. Das erfordert allerdings nicht die korrekte Aussprache wie in romanischen oder germanischen Sprachen.
Jeder Japaner fängt in der 1. Klasse Primarschule mit Kanji an- und hört erst nach 9 Jahren wieder damit auf. Die meisten meiner Mitmenschen haben diese Zeit gehasst, ich allerdings bin unglaublich fasziniert von diesen Zeichen. Man benötigt in der Schule allerdings ständig Architektenbleistifte und Unmengen Kreide an der Wandtafel- Dafür viel weniger Platz zum schreiben.
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