Freitag, 15. Mai 2015

Japanische Schule mal anders

Ich hatte am Freitag die wunderbare Gelegenheit, 2h in der Bibliothek zu verpassen und statt dessen meine Mum zur Arbeit zu begleiten. Während ich früher immer zu den Schülern meiner "Schweizer"-Mum aufgeblickt hatte, war ich dieses Mal um einiges älter und grösser als die Schüler. Die japanische Primarschule dauert 6 Jahre, danach folgen 3 Jahre Junior High und 3 Jahre Senior Highschool, auf letzteren befinde ich mich gerade. Heute besuchte ich allerdings zum ersten Mal seit Jahren bunt dekorierte Klassenzimmer mit Tischen, die knapp bis an die Hüfte reichen. Ich begleitete meinen Sub-LP, welcher zufälligerweise an der selben Schule wie meine Gastmutter arbeitet, in 4 von 6 Schullektionen. Er unterrichtet freitags Englisch und diesen Freitag sollte ich als Gast und Unterstützung dabei sein. Englisch wird ab der 5. Primarstufe gelernt. Ein wunderbarer Vorteil von wirklich jungen Schülern ist die Offenheit, welche nur bis ins frühe Teenage-Alter vorhanden ist. Ich wurde mit einem Wirbelsturm an Euphorie und Neugier begrüsst. In der ersten Lektion der 6. Klässler wurden Monate gelernt: Während im Japanischen Monate nur "der 1. Monat" usw. heissen, müssen japanische Schüler die Namen der Monate auswendig lernen. So tat man sich schwer mit der Aussprache von "Febuary" usw. Ein starkes Klischee von japanischen Lehrern ist die unglaubliche Strenge: Diese ist an der Senior High noch knapp spürbar, doch man versucht seit einiger Zeit davon weg zu kommen. So funktioniert der Unterricht auf sehr spielerische Art und Weise und die Schüler werden immer ermuntert laut zu sprechen und werden überschwänglich gelobt. Dies wirkt auf den ersten Blick etwas amerikanisch-seltsam, doch mir gefällt die Idee dahinter und es scheint zu funktionieren. Praktisch jede Unterrichtslektion besteht duchgehend aus Spielen. So kenne ich seit heute den japanischen Begriff für Schere-Stein-Papier. Die 5. Klässler lernten die Zahlen 1-20 auf Englisch und hatten nebst dem üblichen Schere-Stein-Papier auch die Aufgabe, einzelne Sprachen anhand von vorgelesenen Zahlen einzuordnen. Wenn man noch nie Spanisch oder Französisch gehört hat, ist dies eine ziemlich schwere Aufgabe. Glücklicherweise war ich diejenige, die die Zahlen vorlas.
Das  Mittagessen war auch eine besondere Erfahrung: Im Schulgebäude wird das Essen zubereitet und auf Wagen in die Klassenzimmer gebracht. Dort stellt man Bänke in der Mitte auf und serviert wie in einer Mensa das Essen auf Tabletts. Dabei trägt jeder einzelne Schüler-ob Schöpfer oder Empfänger- eine Maske, so auch ich. Ich habe bis jetzt noch nie die so typischen Hygiene-Masken getragen, mir wurde auch erzählt, dass das Tragen ziemlich unangenehm sei. Es wird ziemlich heiss unter der Baumwollschicht, aber es war nicht mal so heiss wie erwartet, vor allem da heute 30 Grad herrschten und das alte Schulgebäude nur über 2 kleine Ventilatoren in der Zimmerecke verfügt. 
Das Essen wird dann auf dem Tablett zu seiner kleinen Bank gebracht (diese sind noch kleiner als unsere in der Joetsu Senior High) und man beginnt gemeinsam das Essen mit dem üblichen "Itadakimasu!". Als Primarschüler hat man das Privileg einer längeren Mittagspause: So begleitete ich die 5. Klässler zu den Erstklässlern, welche zum Spielen in der Turnhalle abgeholt wurden. Auch dort wurde ich freudigst umarmt und an der Hand genommen. Auch wenn ich für diesen Tag meinen üblichen Lokativ "Loora-chan" abgelegt habe, wurde ich wie als eine von den Schülern aufgenommen. Heute wurde ich meistens mit "Loora-san oder -sensei" angesprochen, was mit einem Lehrer gleich zu setzen ist. 
Nach Schulschluss fand natürlich noch das obligatorische Klubtreffen statt: Meine Mutter ist Lehrerin in der Big-Band, so begleitete ich sie natürlich. In der Primarschule dauert der Unterricht allerdings nur eine knappe Stunde und bald wurde ich unter vielen Winken entlassen. Eigentlich mag ich Kinder ja nicht, aber japanische Kinder sind unglaublich liebenswürdig. 
Ich erreichte nach 5 Uhr mein Zuhause, wo meine Mutter mich absetzte und gleich wieder zur Arbeit fuhr: Schliesslich ist ein Arbeitstag erst fertig, wenn sich auch die Rektoren auf den Nachhauseweg machen, sprich nach 7 Uhr. Ich war allerdings froh, Zuhause noch etwas ausspannen zu können. Die Schüler besitzen unglaublich viel Energie und wenn man keine Klimaanlaage hat, ist man bereits um 5 Uhr abends völlig ausgelaugt. 

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