Montag, 18. Mai 2015

Endlich da-Wirklich da

Wollen wir uns heute mal einer Analyse meines Gemütszustandes unterziehen. Ich bin nun seit gut 2 Monaten hier, gehe regelmässig zur Schule, lerne Japanisch. Ich lebe im Alltag, freue mich aufs Wochenende und wenn ich mich auf den Nachhauseweg machen kann. Mein Japanisch wird glücklicherweise immer besser, jeden Tag zu sprechen bringt dies unweigerlich mit sich. Wenn ich den Kalender an der Wohnzimmerwand konsultiere, (ich besitze keine eigene Agenda hier, das ist ein unglaublich befreiendes Gefühl) schmiede ich Pläne für die nächsten Feiertage, Ferien etc. 
Vor einigen Tagen habe ich einen Zustand erreicht, denn ich mit "der absoluten Stufe des Einlebens" bezeichen würde. Klingt sehr spirituell, ist es allerdings nicht sonderlich. Nach einem Abend viel Gelächters mit meiner Familie, realisierte ich im Bett zum ersten Mal, dass ich mich davor fürchte, "nach Hause" zu müssen. Meine Mistreiterin Emma hat nur noch einen Monat übrig und ist hin- und hergerissen: Es wird seltsam zurück zu fliegen, da sind wir uns beide einig. Allerdings freut man sich, endlich wieder seine Blutsverwandten zu sehen. Zurzeit wechseln sich diese beiden Zustände bei mir ab. Ich will nun möglichst keine Zeit unnütz verschwenden, sondern so viel wie möglich lernen und erleben. Obwohl nun eigentlich der Kulturschock so richtig einsetzen sollte, fühle ich mich dem so weit wie nur möglich entfernt. 
Ich bin zwar immer noch der Ausländer, das bin ich vermutlich immer. Ausländer sind rar in Joetsu. Dies wird mir auf jedem Event bewusst: Beim Sportttag meiner kleineren Schwester, beim Einkaufen, beim Joggen auf der Strasse. Den Ausländerbonus zu nutzen, kann von Vorteil sein. Den nutzen auch gewisse Lehrer aus: Sich etwas früher von der Arbeit verkrümeln sollte schliesslich auch mal erlaubt sein. Wenn man seine "Gaijin-(Ausländer)Power vereint und in der Gruppe unterwegs ist, wird man auch unverholen angestarrt. Dies habe ich mit Emma oder Oskar einige Male erlebt.
Zurzeit bereue ich ein klein wenig, nur 5 Monate, anstatt 11 hier verbringen zu können, doch ich bin sicherlich sehr kribbelig, wenn der August beginnen wird und ich dann mit 120 km/h den letzten Monat hier erlebe. 
Dieser Post scheint mir auch eine gute Gelegenheit, etwas über meine Familie zu erzählen. Natürlich kann ich aufgrund des Datenschutzes nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ihr wisst was ich meine.
Meine Mum ist ein unglaublich witziger Mensch. Wenn sie lacht, was sie sehr häufig tut, hat sie ein unglaublich spitzes Kinn, das einfach nur süss aussieht. Sie ist einen Kopf kleiner als ich und liebt Eiscrème über alles. Gleichzeitig ist sie unglaublich besorgt um mich und achtet mit Adlersaugen darauf, das alles nach Plan und korrekt abläuft.
Mein Vater hat etwas brummbär-artiges und ist das einzige  Familienmitglied, das grösser ist als ich. Wie in den meisten japanischen Familien entscheidet er, wie der Hase läuft. Mir gegenüber hat er noch nie ein böses Wort geäussert, doch ich in unter seinen Primarschülern hat er scheinbar einen strengen Ruf.
Meine kleine Schwester ist ein paar Monate jünger als ich, dafür auch mehrere Zentimeter kleiner. Sie ist alles, was entweder viel Zucker oder Fleisch enthält. Sie ist die seriösere von den zwei Schwestern: wenn etwas nicht perfekt abgewaschen ist, muss man nochmals ran. Humor taucht eher seltener auf, dafür hat sie die eiserne Disziplin um halb 4 aufzustehen und zu lernen. Sie spricht am besten von allen Englisch, da sie einmal pro Woche eine Abendschule für Englisch-Kurse besucht.
Die älteste von uns Schwestern wird bald volljährig und entspricht dem klassischen europäischen Teenager. Mit dem Highschool-Diplom(Matura) von letzten Jahr in der Tasche, besucht sie einmal pro Woche eine Make-up-Schule in Tokyo. Da sie also 80% in der Woche Zuhause ist, verbringt sie viel Zeit mit Schlafen oder herumgammeln. Neuerdings hat sie allerdings auch für die Schule zu lernen, auch wenn sie statt Kanji Bestandteile der Haut und deren Eigenschaften lernt. Mit Englisch konnte sie sich nie anfreunden, doch sie ist unglaublich gut im Japanisch-erklären und Synonyme suchen, wenn ich etwas nicht verstehe.
Hier wurde ich von Anfang an aufgenommen und umsorgt wie ein eigenes Kind. Ich bin froh, dass ich nie einen Familienwechsel aufgrund einer Zeitbegrenzten-Familie hatte. Jeder Auszauschschüler ist sich da wohl einig: Wenn es mit der Familie erstmal klappt, würde man sie nie gegen eine andere eintauschen.

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