Samstag, 11. Juli 2015

Ein Blick zurück und mit dem Shinai volle Kraft voraus!

Während in Europa eine Hitzewelle herrscht, beginnt hier langsam der japanische Sommer. Er ist heiss, feucht und träge. Ich habe noch 1 Woche Schule. Im Klassenzimmer sitze ich blöderweise direkt unter der Klimaanlage, dass es fast kalt ist. So bald man den Gang betritt wird man von der Hitze fast erschlagen. Ich sitze allerdings jetzt im Wohzimmer, wo 30 Grad draussen so wie drinnen herrschen. Das Gefühl ähnelt dem provenzalischen Sommer: Man liegt faul herum, während durch die geöffneten Fenster die Grillen zirpen. Hier sind sogar Zikaden vorhanden, welche gerne in den Schulen an den Vorhängen kleben. Pamela zufolge machen sie während des Unterrichts einem riesen Krach. 
Letztens habe ich mich mit Oska über unsere vergangene Zeit unterhalten. Ich mag mich noch gut an die Zeit erinnern, als ich in der Turnhalle meinen Atem sah und die beheizten Toilettensitze als Himmel empfand. Ich lebe nun seit fast 4 Monaten unter den Schwarz-Schöpfen. Ich bin nicht in der Lage dem Biologie- oder Geschichts-Unterricht zu folgen, jedoch ist das Leben in der Familie und Konversationen unter Freunden keine allzu grosse Herausforderung mehr. Vor einem Monat habe ich einen Kanjitest geschrieben, dessen Resultate demnächst folgen sollten. Letzte Woche liess mich AFS einen Aufsatz und Test über Grammatik schreiben. Ansonsten habe auch eine Menge erlebt: Längere und kürzere Reisen, Schulevents und sehr viele Unterrichtsstunden. Ich will nicht sagen, dass ich es bereue, nur einige Monate hier zu sein. Ich bin sicher, im August will ich nicht in die Schweiz zurück, wie jeder Austauschschüler. Vermutlich wird das Gefühl, doch noch länger hierbleiben zu können, wenn ich nur vor einem Jahr anders entschieden hätte, an mir nagen. Doch ich bin zum Entschluss gekommen froh zu sein, dass ich es überhaupt bis in dieses Land und vor allem bis an diesen Punkt in einem Austausch geschafft habe. 
Dieses Wochenende beschäftigte ich mich im Übermass mit Kendo: Am Samstag besuchte ich mit den 5 Herren unseres Kendoclubs und 2 Lehrern eine Turnhalle ganz in der Nähe meines jetztigen Zuhauses. Kindergärtner und Primarschüler, welche bereits im zarten Alter von 5 Jahren mit Kendo begonnen haben, stiessen ebenfalls dazu. Der Grund für dieses Trainingswochenende sind die Wettbewerbe in den Sommerferien. Während unser Baseballteam der Schule nach nur einem Spiel letzte Woche aus dem Rennen ausschied, haben die Kendoprüfungen noch nicht begonnen. So begannen wir am Morgen um halb 9 mit Einwärmen. Die Kinder wurden in zwei Gruppen unterteilt: "Kookoosei"(Highschoolschüler) und "Shoogakusei"(Primarschulalter). Wie in unserem Dojo begannen wir mit einem Briefing des Hauptlehrers (es waren circa 20 verschiedene Lehrer und Meister da) und einer kurzen Meditation. Zu meiner Überraschung wurde der Lead an Befehlen der Ältesten der Primarschüler überlassen, anstatt unserem Kaptain. Man stellt sich nämlich in der Hackordnung in der Mitte der Halle auf, wobei die Ältesten (Senpai genannt) dem Alter und Fähigkeiten nach von rechts nach links sich aufstellen. Zu unterst stehen dann die tiefsten Jahrgänge, welche wir Kohai nennen. (Das System mit Senpai-und-Kohai ist hier sehr wichtig, man kann eine Person auch mit diesem Titel ansprechen). Da ich ein 3. Klässler bin, stehe ich über den Erstklässlern, aber meiner Fähigkeiten nach unter den 2. Klässlern. Deshalb finde ich mich immer in der Mitte ein. 
Die erste Übung war Seilspringen, wobei die Kookoosei beganngen und nach einigen Durchläufen über das riesige Seil der Reihe nach zu Rennen/Hüpfen, kamen die Kleinen an die Reihe. Mit einem Doogi und dem Doo (Brustpanzer) zu hüpfen ist nach einigen Sprüngen ziemlich anstrengend. Uns sollte durch diese Übung auch Teamgeist vermittelt werden: So mussten schlussendlich zuerst alle "Grossen" in einer Reihe gleichzeitig im Seil springen. Es ist dann also ziemlich peinlich, wenn man im Seil hängen bleibt, da die ganze Übung von vorne beginnt. Glücklicherweise habe ich den Auslänger-Bonus, alle waren bereits beeindruckt, dass ich es alleine über das Seil geschafft habe. 
Die Kleinen hatten allerdings ihre grosse Mühe damit: Man verbrachte ungefähr eine halbe Stunde damit, alle nur ein einziges Mal über das Seil zu kriegen. Japaner haben Geduld und finden immer eine Lösung, so schafften es auch die Kleinen am Ende 3 Mal hintereinander in der Gruppe im Seil zu springen. Danach griff man zu "Kote"(Den Handschuhen) und Shinai und begann mit Übungsschlägen. Durch die ganze Halle wurde der Reihe nach gerannt, bis der Schweiss synchron mit dem Regen draussen floss. Gelegentlich wurden einige Dinge bezüglich Haltung von den Lehrern erzählt. Erst vor halb elf folgte die "Men-tsuke", das Anlegen des Helmes. Danach durften die Kleinen an den Grösseren die Basisschläge üben. Da ich nicht fähig bin, gute Ratschläge und Verbesserungsvorschläge zu geben, trainierte ich mit. Nebst dem amüsierte ich mich köstlich über die Bemühungen meiner Mitstreiter: Jeder musste in die Knie, damit die Kleinen überhaupt den Kopf des Gegners treffen konnten. Nach einigen Durchläufen durften dann die Grossen untereinander fortgeschrittene Schläge üben, wo ich mich auch der Reihe anschloss.
Das Mittagessen folgte traditionell japanisch: Jeder hatte sein Obento, dass man im Schneidersitz in seiner kleinen Gruppe ass. 

Am Nachmittag trainierten die Kleinen zum ersten Mal einen Kampf: Die Abfolge von Schritten und Verbeugungen muss man auch erst einmal lernen. Während meine Mitschüler Schiedsrichter spielten, sass ich nebst dem Zeitnehmer auf dem Boden. Ich wechselte dabei zwischen Stehen und Sitzen ab. Die Belastung für die Füsse ist ziemlich hoch, allerdings wird beim Sitzen die Seiza verlangt, weshalb ich nach 15 Minuten meine Beine nicht mehr spürte. (Die schmerzhafte Seiza sei allerdings einer der Gründe, weshalb die Japaner so klein seien. Geübte Leute schaffen es allerdings bis auf 2h in der Seiza)
Für die letzte gute Einenhalb-Stunde durften auch die grosse Schüler kämpfen: Alle Lehrer stürzten sich in Uniform und man hatte Gelegenheit die Lehrer herauszufordern. Das Praktische daran ist, dass sich jeder Lehrer auf einen anderen Punkt fokussiert: Einige lassen einen seinen Kampfschrei üben, andere die Haltung der Arme und wieder andere seine Beinarbeit... 
So lernte ich also sehr viel, und glücklicherweise hatte nur ein Lehrer die Absicht volle Kraft auf mich los zu gehen.(Er hatte seinen Riesenspass mich schwitzen zu sehen und zur Schnecke zu machen).
Als schliesslich die Uhr und die Schmerzen in Armen (und vorallem Füssen) das Ende verkündeten,traf  man sich wieder in der Mitte der Halle, wo das Training abgeschlossen wurde. Glücklicherweise warteten Zuhause eine Dusche und ein Bett auf mich, wo ich dann über eine Stunde bewusstlos vor mich hin träumte.
Am Samstag wurde es erneut Zeit als AFS Freiwilliger aktiv zu werden. Wir hatten vor einiger Zeit eine Spendeaktion für das Erdbeben in Nepal veranstaltet (Mit Kuchenverkauf, Teezeremonie, Origami etc.), gestern gestaltete sich das Programm etwas anders. Etwa einmal im Jahr scheint auch in Joetsu ein Flohmarkt statt zu finden. Dieser ähnelt denjenigen von Frankreich: Man bereitet seine Habseligkeiten von einem grossen Auto auf eine Plastikplane aus und setzt sich unter einen Sonnenschirm. Allerdings kann man nicht nur Gebrauchtgegenstände kaufen, auch allerlei neuartige Spielzeuge und Selbstgebasteltes findet man. Oskars und meine Aufgabe war Interaktion mit Japanern infolge des "Jankengeemu". Dieses Spiel existert in jedem Land, auf der ganzen Welt, doch Japaner bentutzen es ihr Leben lang um Entscheidungen zu fällen, während wir es nur als Kinder spielen: Es handelt sich hierbei um Schere-Stein-Papier. Wenn ein Kunde gegen uns im "Schnick-Schnack-Schnuck" oder der schwedischen Variante gewann, wurde der Preis des gewünschten Objekts halbiert. Japaner gaben sich also alle Mühe, die europäischen Wörter auszusprechen, je nach dem ob ich oder Oskar der Gegner war. Nach dem wir uns einige Stunden köstlich amüsiert hatten und meine Schultern  trotz Sonnencrèm und Schirm die Farbe von gekochten Crevetten hatten, holte meine LP mich ab. Im einzigen Starbucks Café von Joetsu (Die Kaffee-Kette hat hier den selben Kultstatus und Preisradius) hielten wir ein Farewell-Meeting ab. Ich erhielt den Plan für August (Sommerferien!), ein Dossier betreffend mein Abschied und weitere Infos.
Mit dem Sonntag war mein Wochenende noch nicht vorbei. Am 20. Juli ist der Tag des Meeres (海の日), ein nationaler Feiertag. Die armen Japaner benötigen schliesslich auch etwas Freizeit. Dieser Tag sollte Gelegenheit sein, dem Meer zu danken. Wir sind schliesslich so ziemlich am meisten vom Meer abhängig, angesichts dem jetztigen und traditionellen Fischfang. Man feiert allerdings nicht viel, sondern nimmt sich einfach einen Tag frei, was meine Eltern trotz dem nicht davon abhält, in die Schule zu fahren und zu arbeiten. Ich hatte dafür ein anderes Programm: Da die 3. Klässler angesichts der bevorstehenden Prüfungen zum Eintritt in die gewünschte Universität sich endlich zum Lernen bewegen sollten, müssen sie aus ihrem Club in Rente gehen. Meine Klassenkameradin hatte heute also einen Abschlussevent. Wir begannen mit normalem Einwärmen und fuhren dann mit Einzelkämpfen fort. Meine Kollegin kämpfte gegen alle im Kendo, einschliesslich der 3 Lehrer. Als die Sonne am Mittag mit der Temperatur ihren Höchststand erreichte, beendeten wir unser Training und Geschenke wurden ausgetauscht. Zu guter Letzt brachte unser Captain Getränke und Wassermelone mit, welche wir (im Doogi!) auf Tellern und Boden im Dojo genossen. Ich bilde natürlich eine Ausnahme, doch normalerweise hören alle 3. Klässler nach den Sommerwettkämpfen mit dem Club auf. Ansonsten würden einige Lernfaule nie sich zum Lernen bewegen. Spezialfälle wie Mitglieder des Baseballs oder Tischtennisteams hätten auch sonst viel zu wenig Zeit.
Den Rest des Montagsnachmittags hatte ich also genug Zeit diesen Blogpost zu verfassen und meinem belasteten Fuss etwas Ruhe zu gönnen. Meine Mistreiter waren fast alle Samstag und Sonntag in der Sporthalle am trainieren, dementsprechend sah man ihnen ihre Erschöpfung im Gesicht an. Ich starte nun in meine letzte Schulwoche und habe Dienstag und Mittwoch einen weiteren Sportevent, von dem ich den Plan allerdings noch nicht genau weiss. So weit ich weiss, bin ich dem Tischtennis zugeteilt, obwohl ich genau 3 Mal in meinem Leben Tischtennis gespielt habe: Einmal in der Kindheit und 2 Mal letzte Woche im Sportunterricht. Tischtennis ist hier so beliebt, dass der Club auch am 1. Januar trainiert und man auch Pingpong im Sport spielt. Zurzeit wählen wir zwischen Basketball, Tischtennis und Badminton. Trotz der Hitze der Halle ist dies glücklicherweise nicht all zu anstrengend.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen