Freitag, 31. Juli 2015

Reflexion über das wunderbare Leben eines Austauschschülers

Auf die Fragen "Wie lebt es sich in Japan? Was hast du gelernt, erlebt?" findet sich so schnell keine Antwort. Ich kann nicht 5 Monate meines Lebens in 3 Sätze zusammen fassen. Ich kam hierher und konnte mich gerade mal selbst auf Japanisch vorstellen, jedoch Basic-Sätze verstehen. Ich bin immer noch ein Anfänger in Japanisch-doch ich habe dazu gelernt. 
Ich machte viele Fehler, wiederholte Fehler. Doch ich gewann an Sensibilität und gewann Verständnis für Kultur und Sprache. Diese Dinge sind so dicht verknüpft, das viele es als ein Ding des Unmöglichen nennen, eine solch fremde Sprache zu lernen. Das ist es nicht.
Ich lernte meine eigenen Grenzen, überschritt sie und gewann an Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten. Meine  Familie wuchs um mehrere Mitglieder, nun gibt es Leute auf dem gesamten Planeten, die ich als Freunde und Familie bezeichne. Das schlimmste am Austauschschüler-sein ist Abschied nehmen, da sind wir uns einig. Wir alle haben diese einzigartige Verbindung, die man aufbaut, wenn man als einzige Ausländer in einer (anfangs) fremden Familie und Kultur lebt. Gemeinsam mit wunderbaren Leuten habe ich gelacht, geweint und gelebt. Ich bin sicher, jeder Austauschschüler verliebt sich in sein Gastland, das Gefühl der Sonne und Wind auf der Haut, das sich anders als in der Heimat anfühlt.
Man wächst jeden Tag, Herausforderungen und Treffen mit neuen Leuten gehen nicht ohne Spuren vorüber. Man sagt, "Education is the key to peace and understanding", doch was ist der Ursprung? Meine Antwort darauf lautet Neugierde. Dieselbe Neugierde, die uns als Kinder auf eine heisse Herdplatte fassen und auf fremde Menschen zurennen lässt. Diese Neugier, welche ich von den Japanern, egal ob jung oder alt, erfahren habe, lässt mich bis heute erstaunen. Japaner sind ein Inselvolk und die Kultur ist voll von Paradoxen. Wenn man diese Dinge verinnerlicht, ist die Hürde zum Verständnis ihrer Kultur überwunden. Ich wurde oft seltsame Dinge gefragt, doch Antrieb dahinter ist wieder die menschliche Neugier. Ich sehe sie in den Augen der Menschen, die mich scheu auf der Strasse anlächeln oder ein Gespräch beginnen.
Menschen sind nicht von Natur aus gut oder böse, dies sind von Menschen erfundene Begriffe mit Bezug auf idealisierte Moralvorstellungen. WIr alle leben unser eigenes Leben, jede Familie lacht und streitet hinter ihren Türen. Die Frage ist nur, ob wir den Schritt wagen auf fremde Menschen zuzugehen und einen Blick in ihr Leben werfen möchten oder sich lieber auf sein eigenes Leben und Wohl fokussiert. 
Ich habe keine Sekunde bereut, das Flugzeug in Zürich Kloten bestiegen zu haben. An alle zukünftigen Austauschschüler: Nehmt euch die Zeit ein ganzes Jahr zu verreisen, es ist es jeden Tag wert. Hier habe ich die Möglichkeit Spass zu haben, die Welt und mich selbst kennen zu lernen, Träume zu erfüllen, neue Dinge auszuprobieren und, und und...
Hier habe ich Zeit, Vögel beim Fliegen und Menschen beim Einkaufen auf der Strasse zu betrachten.
Auch wenn ich in Japan nicht nur rechtlich sondern auch von der Gesellschaft als Kind betrachtet werde, lernte ich Verantwortung zu übernehmen. Doch man ist nie allein und ohne Hilfe hätte ich diese 5 Monate nie gemeistert. Ich bin dankbar um meine Gastfamilie, Freunde, Schule und AFS Freiwillige.
Das Leben in Japan ist für mich voll von Farben und pulsierendem Leben. Grün, wie die üppige Natur, blau wie das Meer, das so wichtig für die Menschen hier ist, gelb wie die Sonne, an die ich mich nie gewöhnen werde, pink wie die wunderbaren Kirschblüten und das Gefühl des Frühlings, orange wie die Sonnenuntergänge, welche zu den schönsten auf der Welt gehören und schwarz wie der Nachthimmel auf dem Land. 
Ich versuche mein Leben so intensiv wie möglich zu leben, zwischen Schrittempo auf dem Spazierweg und Vollgas durch die Strassen Joetsus auf dem Fahrrad. 
Ich weiss nicht, ob ich schon bereit für meine Rückkehr in die Schweiz bin, doch ich nehme jeden Tag in Angriff, wie er kommt. 

Donnerstag, 30. Juli 2015

夏休み(Natsu-yasumi)

Japanische Highschool Schüler sind so ziemlich die einzigen auf der Welt, welche sich nicht auf die Sommerferien freuen. Das Schulleben geht für sie ziemlich normal weiter, auch meine Eltern sind jeden Tag in der Schule anwesenheitspflichtig. Da im Herbst die Aufnahmeprüfungen für die Universitäten beginnen, sind die Abschlussjahrgänge besonders gefordert, ausser den Schülern, welche nach der Schule zu arbeiten beginnen. Die Erst-/Zweit-klässler sind jeden Tag in ihrem Club anzutreffen, der Grund weshalb ich 2 Mal diese Woche noch zum Abschluss im Kendo war. (Und so ziemlich den Muskelkater meines Lebens habe) Es gibt aber auch Schüler, die nicht in einem Club sind, diese sitzen vermutlich aber auch nicht Zuhause herum, schliesslich sind auch ihre Eltern, Lehrer oder nicht, am arbeiten.
Japans Sommerferien sind von Ende Juli bis Ende August, 4 oder 5 Wochen. In dieser Zeit ist das Schulleben allerdings lockerer, auch im Kendo wurde herumgealbert. Es finden auch häufig Camps allerlei statt: Pamela nimmt jedes Jahr an einem English-Camp teil und derzeit trainieren auch meine Kendomitstreiter für die Wettkämpfe im Herbst ausserhalb der Schule.
Bleibt die Frage, was mache ich?
Sehr viel Sport, Essen und Herumsitzen. Meine Motivation zum Lernen hat sich mit der Kühle der Tage verflüchtigt und zum Packen ist es noch zu früh. Allerdings fragen mich bereits diverse Leute, wie mein Umzugsprozedere läuft. Ausser Aufräumen, Schulblätter abheften und den Gedanken an meine Rückkehr zu verdrängen, noch gar nicht. 
Ich bremse nun mein Alltagsleben auf eine gemütliche Geschwindigkeit herab, bin jedoch immer beschäftigt. Auch Oskar hat Ferien und der Arme war bis heute nie in einer Karaokebox. Ich dagegen habe noch nie die Burger von "Mosburger" versucht. Bei Mosburger handelt es sich um die luxuriöse Variante eines Macdonalds. Das Essen ist qualitativ hochwertiger und natürlich auch teurer. Wenn man allerdings einen Burger für 400 Yen als teuer bezeichnet, ist doch irgendetwas in den Köpfen falsch gelaufen. Jedoch sind viele Lebensmittel hier viel billiger. Das Paradebeispiel wäre dabei die Getränkeautomaten die sogar in den Bergen an jeder Strassenecke herumstehen. Während man in der Schweiz im Durchschnitt 4 CHF für ein Getränk bezahlt, ist es hier ein Viertel, erstaunlich nicht? 
Ab Samstag findet für uns AFS Schüler ein Camp in Nagaoka und Shiunji statt. Wir werden das (inter-)national berühmte Feuerwerk besichtigen, im Meer schwimmen, in einem Onsen übernachten und eine Elementarschule besuchen. Für mich Sommerferien der besonderen Art.

Sonntag, 26. Juli 2015

Sommer= Festival?

Jede Kultur hat ihre eigene Definiton von Sommer. In der Schweiz sind es Grillparties, Gras an den Füssen und den Geruch von aufgewärmten Teer und Sonnencrème. Hier ist es ziemlich anders. Das wichtigste Gerüsch sind die kleinen Glöckchen (Fuurin), die in den Hauseingängen an den Strassen hängen und bei Wind leise bimmeln. Ich liebe dieses Geräusch, es ist die Definition von Hitze an einem faulen Sommertag mit einem feinen Luftzug. 
Wennn man einen Japaner nach dem Geruch des Sommers fragt, sind das meist die Mückenspiralen: Anstatt Mückenkerzen gibt es hier grüne Spiralen, die man aufhängt und anzündet. Jedes japanische Kind kennt diese leicht stinkenden Dinger.
Ein absolut prominenter Faktor im Sommer sind allerdings die Festivals: Am Donnerstag (23.7.) fand das Joetsu-Matsuri statt. AFS schloss sich dabei einer Gruppe namens Join an, welche alle Ausländer in Joetsu beinhaltet. (Meist mit einem Japaner verheiratete Frauen)
An Sommerfestivals gibt es neben Feuerwerken lange Umzüge. Es werden kleine und grössere Schreine durch die Strassen gezogen oder getragen, Trommeln (Toko genannt) geschlagen und auf Bambusflöten gespielt. Dann gibt es noch 3 tradtitionelle Tänze mit leicht seltsamen  Bewegungen. Am Donnerstag versammelten wir uns alle von Join, zogen uns in geliehene Yukatas um und erhielten einen Crash-Kurs in den Tänzen. Oskar und ich beschlossen, auf der Strasse einfach alle nachzuahmen. Um 7 Uhr ging's dann los: Durch die abgeriegelte Hauptstrasse Joetsu's reihten wir uns auf und tanzten gute 1,5h ohne Pause durch die Strasse. Es begann kurz nach 8 zu regnen, und es blieb nicht nur beim Nieseln: Während wir in Endlosschlaufe durch die Strassen tanzten, wurden wir bis auf die Knochen nass. Während des ganzen Tages herrschte eine feucht-schwüle Hitze, bei ca. 32 Grad. Doch die Stimmung war überall auf dem Höhepunkt: Menschen sangen, tanzten, viele schauten einfach nur zu. Es war eine wahnsinns tolle Erfahrung bei dieser Prozession mitzumachen. Im Regen zu tanzen war unglaublich erfrischend und jeder genoss einfach nur die Atmosphäre.

Am Sonntagabnd fand noch in Naoetsu ein Festival statt. Früher war Joetsu in mehrere Distrikte eingeteilt, bis alles zur grossen Joetsu-shi(Stadt) zusammengefasst wurde. Deshalb gibt es bis heute zwei Festivals. Naotsu liegt am Meer, genauer gesagt an der Flussmündung des Sekigawa, des grossen Flusses, welcher durch Joetsu fliesst.
Oskar, seine Geschwister, meine Schwester und ich verabredeten uns am Bahnhof und zogen bald unter einer riesigen Menschenmasse Richtung Meer. Die Luft war erfüllt von Bratfett und Fleisch: Entlang der Strassen waren wie am Joetsumatsuri unzählige Essensstände aufgebaut. Während die Schweizer Essensstände Döner, Glace etc verkaufen, gibt es hier Takoyaki, Yakisoba, Kakigori(Zerhacktes Eis mit Sirup) und einige weitere Klassiker an japanischem Essen. Zu meiner Freude sah ich viele Freunde meiner Schule wieder, auch Oskar und meine Schwester mussten unzählige Male anhalten und Freunde begrüssen. Beim Beginn des einstündigen Feuerwerks liessen wir uns am Flussufer nieder und genossen die Show. Bis zu unser Rückkehr nach Hause wurde es sehr spät. Es war ein unglaublich toller Event und die Atmosphäre war wieder einmal grossartig: Die Luft erfüllt von Schwarzpulver, Lärm, Schweiss und Essen. Meine persönliche Lieblingsdefintion von Sommer.

Freitag, 24. Juli 2015

Der allerletzte Schultag

Am Freitagmorgen begann ich damit, für die Klasse meine Geschenke einzupacken. Blöderweise regnete es und ich hatte nicht die Kapazität mit 2 Taschen und Rucksack den Bus zunehmen, weshalb mich mein Vater mitsamt Fahrrad in die Schule fuhr. Dort begann ich schnurstracks für alle Mädchen in der Klasse ein Briefchen vorzubereiten. Hier ist der Austausch von Geschenken unglaublich wichtig, und ich wollte mich nicht unvorbereitet fühlen. Ich verbrachte die gesamte erste Unterrichtslektion im Schnellzugstempo damit, auf Briefchen zu schreiben und zu falten. In der 3. und 4. Lektion wurde eine Abschiedsparty für mich organisiert, die für mich zu einer grossen Überraschung wurde. Wir begannen alle damit, Ramen selbst zu kochen. Ramen sind die Nudeln aus China, allerdings mit einem japanischen Arragement. 
Aufgrunddes Zwiebeldampfes in der Küche weinten alle, mit meinen Kontaktlinsen wurde ich mehr oder weniger geschont.
Als schliesslich alle Zutaten in einem riesigen Topf brodelten, wurde mir von der Klasse ein erstes Geschenk überreicht und ich wurde aufgefordert, es sofort zu öffnen. Normalerweise nimmt man ein Geschenk mit nach Hause und öffnet es dort. Es enthielt einen schwarzen Yukata und ein Messageboard von der Klasse! (Ein Message board ist ein grosses, dekoriertes Stück Karton mit persönlichen Nachrichten von der Klasse und Fotos darauf). Zu meiner erneuten riesen Überraschung sollte ich mich gleich in diesen Yukata umziehen und zurück in das Hauswirtschaftszimmer kommen. Dort wurde ich dann mit Luftschlangen beworfen und erneut nach vorne gebeten und weitere Geschenke in Empfang zu nehmen, ich war überwältigt! Jeder aus meiner Klasse (36 Leute!) überreichte mir ein kleines, mehr oder weniger persönliches Geschenk.
Mein Klassenlehrer hatte ebenfalls einen Song eingeübt, den er mit Gitarre als Begleitung vortrug. Wir alle waren begeistert, den Lehrer singen zu hören schien für alle eine Permiere zu sein.
Als wir schliesslich zum Mittagessen übergehen wollten, erklang eine Durchsage: Die Resulte des Kanji-tests seien da! Immernoch im Yukata zockelte ich von Freunden begleitend nach oben zum Lehrerzimmer. Da blöderweise Mittagszeit war, begegnete ich unzähligen Schülern, welche mich mit grossen Augen anstarrten. Doch zu einer weiteren Überraschung hatte ich den Tests mit einem super Resultat bestanden! Mein Niveau an lesbaren Zeichen ist nun auf dem eines Primarschülers der 2. Klasse, gratulation.
Nach dem Mittagessen konnte ich mich nun in die gewohnte Schuluniform umziehen und meine Geschenke in einem riesigen Müllsack(...) ins Klassenzimmer bringen. Die 5. und 6. Lektion verbrachten alle 3. Klässler mit Bewerbungsinterviews, ich traf letzte Vorbereitungen für meine Rede. In der 7. Lektion begab ich mich ein allerletztes Mal unter so vielen Malen in die Turnhalle. Das erste Trimester ist nun beendet und es fand eine kleine Feier statt.
Unter meinen Klassenkameraden sitzend, reflektierte ich nun ein bisschen über den allerersten Tag an der Joetsu Highschool. Der Ablauf war mehr oder weniger derselbe: Der Rektor, Prorektor und Schülerrat sprach und meine Rede sollte zum Schluss folgen. Als es allerdings noch April war, fror ich unter all den anderen, trug eine andere Uniform und fühlte mich fremd. Nun war ich in der Lage, all die Reden und das japanische Schulleben zu verstehen. Nur die Nervsoität vor meiner Rede war geblieben. Anstatt Stille und Zähneklappern hörte man nun das rauschende Zirpen der Grillen. 
Zum Schluss wurde ich auf die Bühne vor all den 347 Schülern gebeten und sprach von meinen Erfahrungen, Schwierigkeiten, Eindrücken und bedankte mich viele Male.
Zurück im Klassenzimmer blieb mir noch das Verteilen meiner Geschenke-und natürlich eine Fotosession. Vor dem Nachhauseweg verabschiedete ich mich noch von allen Lehrern und musste mein logistisches Problem mit den Geschenken lösen. (1 Rucksack, 2 Taschen und ein Berg von Geschenken sind weder mit Bus noch Fahrrad zu transportieren).
Beim Verlassen der Schule wechselte ich natürlich meine Schuhe, doch dieses Mal musste ich meinen Schuhlocker räumen. Mit einem Anflug von Traurigkeit und Nostalgie schwang ich mich schlussendlich auf mein Fahrrad und fuhr von der Abendsonne und dem Zirpen der Girllen nach Hause.
Ich bin kein Fan von Abschieden, dennoch sind diese als Austauschstudent unvermeidlich. Bereits jetzt vermisse ich all die verschiedenen interessanten Persönlichkeiten der Klasse, welche die 3-1 Klasse zu dem machen, was sie ist: Laut, gut gelaunt und unglaublich offenherzig.

Ozukaresama deshita!

Heute endet meine Zeit an der Joetsu Highschool. Die letzte Schulwoche bestand aus 2 Tagen eines Sporttages und 2 Tagen normalen Schullektionen, von denen der eine Tag allerdings alles andere als normal verlief. Beginnen wir choronolgisch: Am Dinstag stand Tischtennis und Badminton auf dem Plan. Ich habe genau 2 mal im Turnunterricht Ping-Pong gespielt und wurde trotzdem ins Team gesetzt. Da allerdings nicht alle Leute in der Klasse im Team sein können, haben viele den ganzen Tag mit Herumsitzen und "Oen" (anfeuern) verbracht. In der Turnhalle herrscht dasselbe Klima wie draussen, weshalb man nonstop in der Feuchtigkeit vor sich hinschwitzt. Am zweiten Tag stand Basketball auf dem Programm, ich war allerdings nicht im Team. 
Trotz vielen Herumsitzens waren diese 2 Tage voll von lustigen Unterhaltungen und spannenden Momenten. Unsere Klasse schlug sich hervorragend: In 3 von 5 Disziplinen der erste Platz. Mir wurde die Ehre überlassen, bei der Preisverleihung ein Diplom in Empfang zu nehmen. An die gesamte Klasse addressiert erhielt man pro Disziplin einen Pokal und Diplom, welche am Ende des 2. Tages vom Rektor überreicht wurden

Samstag, 11. Juli 2015

Ein Blick zurück und mit dem Shinai volle Kraft voraus!

Während in Europa eine Hitzewelle herrscht, beginnt hier langsam der japanische Sommer. Er ist heiss, feucht und träge. Ich habe noch 1 Woche Schule. Im Klassenzimmer sitze ich blöderweise direkt unter der Klimaanlage, dass es fast kalt ist. So bald man den Gang betritt wird man von der Hitze fast erschlagen. Ich sitze allerdings jetzt im Wohzimmer, wo 30 Grad draussen so wie drinnen herrschen. Das Gefühl ähnelt dem provenzalischen Sommer: Man liegt faul herum, während durch die geöffneten Fenster die Grillen zirpen. Hier sind sogar Zikaden vorhanden, welche gerne in den Schulen an den Vorhängen kleben. Pamela zufolge machen sie während des Unterrichts einem riesen Krach. 
Letztens habe ich mich mit Oska über unsere vergangene Zeit unterhalten. Ich mag mich noch gut an die Zeit erinnern, als ich in der Turnhalle meinen Atem sah und die beheizten Toilettensitze als Himmel empfand. Ich lebe nun seit fast 4 Monaten unter den Schwarz-Schöpfen. Ich bin nicht in der Lage dem Biologie- oder Geschichts-Unterricht zu folgen, jedoch ist das Leben in der Familie und Konversationen unter Freunden keine allzu grosse Herausforderung mehr. Vor einem Monat habe ich einen Kanjitest geschrieben, dessen Resultate demnächst folgen sollten. Letzte Woche liess mich AFS einen Aufsatz und Test über Grammatik schreiben. Ansonsten habe auch eine Menge erlebt: Längere und kürzere Reisen, Schulevents und sehr viele Unterrichtsstunden. Ich will nicht sagen, dass ich es bereue, nur einige Monate hier zu sein. Ich bin sicher, im August will ich nicht in die Schweiz zurück, wie jeder Austauschschüler. Vermutlich wird das Gefühl, doch noch länger hierbleiben zu können, wenn ich nur vor einem Jahr anders entschieden hätte, an mir nagen. Doch ich bin zum Entschluss gekommen froh zu sein, dass ich es überhaupt bis in dieses Land und vor allem bis an diesen Punkt in einem Austausch geschafft habe. 
Dieses Wochenende beschäftigte ich mich im Übermass mit Kendo: Am Samstag besuchte ich mit den 5 Herren unseres Kendoclubs und 2 Lehrern eine Turnhalle ganz in der Nähe meines jetztigen Zuhauses. Kindergärtner und Primarschüler, welche bereits im zarten Alter von 5 Jahren mit Kendo begonnen haben, stiessen ebenfalls dazu. Der Grund für dieses Trainingswochenende sind die Wettbewerbe in den Sommerferien. Während unser Baseballteam der Schule nach nur einem Spiel letzte Woche aus dem Rennen ausschied, haben die Kendoprüfungen noch nicht begonnen. So begannen wir am Morgen um halb 9 mit Einwärmen. Die Kinder wurden in zwei Gruppen unterteilt: "Kookoosei"(Highschoolschüler) und "Shoogakusei"(Primarschulalter). Wie in unserem Dojo begannen wir mit einem Briefing des Hauptlehrers (es waren circa 20 verschiedene Lehrer und Meister da) und einer kurzen Meditation. Zu meiner Überraschung wurde der Lead an Befehlen der Ältesten der Primarschüler überlassen, anstatt unserem Kaptain. Man stellt sich nämlich in der Hackordnung in der Mitte der Halle auf, wobei die Ältesten (Senpai genannt) dem Alter und Fähigkeiten nach von rechts nach links sich aufstellen. Zu unterst stehen dann die tiefsten Jahrgänge, welche wir Kohai nennen. (Das System mit Senpai-und-Kohai ist hier sehr wichtig, man kann eine Person auch mit diesem Titel ansprechen). Da ich ein 3. Klässler bin, stehe ich über den Erstklässlern, aber meiner Fähigkeiten nach unter den 2. Klässlern. Deshalb finde ich mich immer in der Mitte ein. 
Die erste Übung war Seilspringen, wobei die Kookoosei beganngen und nach einigen Durchläufen über das riesige Seil der Reihe nach zu Rennen/Hüpfen, kamen die Kleinen an die Reihe. Mit einem Doogi und dem Doo (Brustpanzer) zu hüpfen ist nach einigen Sprüngen ziemlich anstrengend. Uns sollte durch diese Übung auch Teamgeist vermittelt werden: So mussten schlussendlich zuerst alle "Grossen" in einer Reihe gleichzeitig im Seil springen. Es ist dann also ziemlich peinlich, wenn man im Seil hängen bleibt, da die ganze Übung von vorne beginnt. Glücklicherweise habe ich den Auslänger-Bonus, alle waren bereits beeindruckt, dass ich es alleine über das Seil geschafft habe. 
Die Kleinen hatten allerdings ihre grosse Mühe damit: Man verbrachte ungefähr eine halbe Stunde damit, alle nur ein einziges Mal über das Seil zu kriegen. Japaner haben Geduld und finden immer eine Lösung, so schafften es auch die Kleinen am Ende 3 Mal hintereinander in der Gruppe im Seil zu springen. Danach griff man zu "Kote"(Den Handschuhen) und Shinai und begann mit Übungsschlägen. Durch die ganze Halle wurde der Reihe nach gerannt, bis der Schweiss synchron mit dem Regen draussen floss. Gelegentlich wurden einige Dinge bezüglich Haltung von den Lehrern erzählt. Erst vor halb elf folgte die "Men-tsuke", das Anlegen des Helmes. Danach durften die Kleinen an den Grösseren die Basisschläge üben. Da ich nicht fähig bin, gute Ratschläge und Verbesserungsvorschläge zu geben, trainierte ich mit. Nebst dem amüsierte ich mich köstlich über die Bemühungen meiner Mitstreiter: Jeder musste in die Knie, damit die Kleinen überhaupt den Kopf des Gegners treffen konnten. Nach einigen Durchläufen durften dann die Grossen untereinander fortgeschrittene Schläge üben, wo ich mich auch der Reihe anschloss.
Das Mittagessen folgte traditionell japanisch: Jeder hatte sein Obento, dass man im Schneidersitz in seiner kleinen Gruppe ass. 

Am Nachmittag trainierten die Kleinen zum ersten Mal einen Kampf: Die Abfolge von Schritten und Verbeugungen muss man auch erst einmal lernen. Während meine Mitschüler Schiedsrichter spielten, sass ich nebst dem Zeitnehmer auf dem Boden. Ich wechselte dabei zwischen Stehen und Sitzen ab. Die Belastung für die Füsse ist ziemlich hoch, allerdings wird beim Sitzen die Seiza verlangt, weshalb ich nach 15 Minuten meine Beine nicht mehr spürte. (Die schmerzhafte Seiza sei allerdings einer der Gründe, weshalb die Japaner so klein seien. Geübte Leute schaffen es allerdings bis auf 2h in der Seiza)
Für die letzte gute Einenhalb-Stunde durften auch die grosse Schüler kämpfen: Alle Lehrer stürzten sich in Uniform und man hatte Gelegenheit die Lehrer herauszufordern. Das Praktische daran ist, dass sich jeder Lehrer auf einen anderen Punkt fokussiert: Einige lassen einen seinen Kampfschrei üben, andere die Haltung der Arme und wieder andere seine Beinarbeit... 
So lernte ich also sehr viel, und glücklicherweise hatte nur ein Lehrer die Absicht volle Kraft auf mich los zu gehen.(Er hatte seinen Riesenspass mich schwitzen zu sehen und zur Schnecke zu machen).
Als schliesslich die Uhr und die Schmerzen in Armen (und vorallem Füssen) das Ende verkündeten,traf  man sich wieder in der Mitte der Halle, wo das Training abgeschlossen wurde. Glücklicherweise warteten Zuhause eine Dusche und ein Bett auf mich, wo ich dann über eine Stunde bewusstlos vor mich hin träumte.
Am Samstag wurde es erneut Zeit als AFS Freiwilliger aktiv zu werden. Wir hatten vor einiger Zeit eine Spendeaktion für das Erdbeben in Nepal veranstaltet (Mit Kuchenverkauf, Teezeremonie, Origami etc.), gestern gestaltete sich das Programm etwas anders. Etwa einmal im Jahr scheint auch in Joetsu ein Flohmarkt statt zu finden. Dieser ähnelt denjenigen von Frankreich: Man bereitet seine Habseligkeiten von einem grossen Auto auf eine Plastikplane aus und setzt sich unter einen Sonnenschirm. Allerdings kann man nicht nur Gebrauchtgegenstände kaufen, auch allerlei neuartige Spielzeuge und Selbstgebasteltes findet man. Oskars und meine Aufgabe war Interaktion mit Japanern infolge des "Jankengeemu". Dieses Spiel existert in jedem Land, auf der ganzen Welt, doch Japaner bentutzen es ihr Leben lang um Entscheidungen zu fällen, während wir es nur als Kinder spielen: Es handelt sich hierbei um Schere-Stein-Papier. Wenn ein Kunde gegen uns im "Schnick-Schnack-Schnuck" oder der schwedischen Variante gewann, wurde der Preis des gewünschten Objekts halbiert. Japaner gaben sich also alle Mühe, die europäischen Wörter auszusprechen, je nach dem ob ich oder Oskar der Gegner war. Nach dem wir uns einige Stunden köstlich amüsiert hatten und meine Schultern  trotz Sonnencrèm und Schirm die Farbe von gekochten Crevetten hatten, holte meine LP mich ab. Im einzigen Starbucks Café von Joetsu (Die Kaffee-Kette hat hier den selben Kultstatus und Preisradius) hielten wir ein Farewell-Meeting ab. Ich erhielt den Plan für August (Sommerferien!), ein Dossier betreffend mein Abschied und weitere Infos.
Mit dem Sonntag war mein Wochenende noch nicht vorbei. Am 20. Juli ist der Tag des Meeres (海の日), ein nationaler Feiertag. Die armen Japaner benötigen schliesslich auch etwas Freizeit. Dieser Tag sollte Gelegenheit sein, dem Meer zu danken. Wir sind schliesslich so ziemlich am meisten vom Meer abhängig, angesichts dem jetztigen und traditionellen Fischfang. Man feiert allerdings nicht viel, sondern nimmt sich einfach einen Tag frei, was meine Eltern trotz dem nicht davon abhält, in die Schule zu fahren und zu arbeiten. Ich hatte dafür ein anderes Programm: Da die 3. Klässler angesichts der bevorstehenden Prüfungen zum Eintritt in die gewünschte Universität sich endlich zum Lernen bewegen sollten, müssen sie aus ihrem Club in Rente gehen. Meine Klassenkameradin hatte heute also einen Abschlussevent. Wir begannen mit normalem Einwärmen und fuhren dann mit Einzelkämpfen fort. Meine Kollegin kämpfte gegen alle im Kendo, einschliesslich der 3 Lehrer. Als die Sonne am Mittag mit der Temperatur ihren Höchststand erreichte, beendeten wir unser Training und Geschenke wurden ausgetauscht. Zu guter Letzt brachte unser Captain Getränke und Wassermelone mit, welche wir (im Doogi!) auf Tellern und Boden im Dojo genossen. Ich bilde natürlich eine Ausnahme, doch normalerweise hören alle 3. Klässler nach den Sommerwettkämpfen mit dem Club auf. Ansonsten würden einige Lernfaule nie sich zum Lernen bewegen. Spezialfälle wie Mitglieder des Baseballs oder Tischtennisteams hätten auch sonst viel zu wenig Zeit.
Den Rest des Montagsnachmittags hatte ich also genug Zeit diesen Blogpost zu verfassen und meinem belasteten Fuss etwas Ruhe zu gönnen. Meine Mistreiter waren fast alle Samstag und Sonntag in der Sporthalle am trainieren, dementsprechend sah man ihnen ihre Erschöpfung im Gesicht an. Ich starte nun in meine letzte Schulwoche und habe Dienstag und Mittwoch einen weiteren Sportevent, von dem ich den Plan allerdings noch nicht genau weiss. So weit ich weiss, bin ich dem Tischtennis zugeteilt, obwohl ich genau 3 Mal in meinem Leben Tischtennis gespielt habe: Einmal in der Kindheit und 2 Mal letzte Woche im Sportunterricht. Tischtennis ist hier so beliebt, dass der Club auch am 1. Januar trainiert und man auch Pingpong im Sport spielt. Zurzeit wählen wir zwischen Basketball, Tischtennis und Badminton. Trotz der Hitze der Halle ist dies glücklicherweise nicht all zu anstrengend.